√úbernutzung Information

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Kabeljaubest√§nde an der K√ľste Neufundlands wurden in den 1970er und 1980er Jahren stark √ľberfischt, was 1992 zu ihrem pl√∂tzlichen Zusammenbruch f√ľhrte. [1]

Als √úbernutzung wird in der √Ėkologie, Umwelt√∂konomie und Volkswirtschaftslehre die √ľberm√§√üige Nutzung der nat√ľrlichen Ressourcen bezeichnet.

Allgemeines

Nat√ľrliche Ressourcen sind die weltweite Landfl√§che, Wasserfl√§che, der Luftraum und allgemein die Umwelt. Deren √úbernutzung stellt eine volkswirtschaftliche Fehlallokation dar. [2] Ergreift ein Staat keine Umweltschutzma√ünahmen, entstehen hierdurch hohe Umweltsch√§den, die Umweltkosten nach sich ziehen. Umweltziel der neoklassischen Umwelt√∂konomie ist es, durch Umweltschutzma√ünahmen eine Internalisierung der Kosten herbeizuf√ľhren, um die √úbernutzung der nat√ľrlichen Ressourcen soweit zu vermindern, bis ein Optimum zwischen den vermiedenen Umweltschadenskosten und den Umweltschutzkosten erreicht ist. [3]

Untersucht man diese nat√ľrlichen Ressourcen, so f√§llt auf, dass es sich um Allmendeg√ľter handelt; sie alle unterliegen der Tendenz zur √úbernutzung. [4] Garrett Hardin erkannte 1968, dass den Wirtschaftssubjekten ( Privatpersonen, Unternehmen, Staat nebst seinen Gebietsk√∂rperschaften) ein unbeschr√§nkter und (meist) kostenloser Zugang zu diesen Ressourcen m√∂glich ist und sie zur √úbernutzung dieser Ressourcen neigen. [5] Die von ihm titulierte Tragik der Allmende besteht darin, dass die Ertr√§ge der intensivierten Nutzung privatisiert werden k√∂nnen, w√§hrend die Kosten sozialisiert werden. [6] Das bedeutet, dass beispielsweise ein Unternehmen durch seine Produktion Gewinne erwirtschaftet, aber die vom Unternehmen emittierten Schadstoffe als Gesundheitskosten der Allgemeinheit angelastet werden.

Arten

In stark √ľberweideten Gebieten ‚Äď hier Somalia ‚Äď k√∂nnen nur noch Ziegen leben, die jedoch die Vegetation noch st√§rker sch√§digen

√úbernutzung ( englisch overexploitation) kommt vor durch [7]

Bei den meisten Arten tritt w√§hrend ihrer Nutzung Rivalit√§t auf, denn bei begrenzter Kapazit√§t ( Verkehrsstau auf Stra√üen) sinkt der Nutzen f√ľr weitere Nutzer ( Versp√§tung und Staukosten durch Verkehrsstau). Diese Nutzer k√∂nnen jedoch nicht von der Nutzung ausgeschlossen werden. [8] Da Wirtschaftssubjekte auch nicht von der Nutzung des Allmendeguts Umwelt ausgeschlossen werden k√∂nnen, kommt es zur √úbernutzung der Ressource Umwelt. [9] Von Bedeutung ist auch, ob die √úbernutzung zu bleibenden Substanzsch√§den f√ľhrt (√úberweidung, √úberfischung) oder nicht (Verkehrsstau).

Das beste Beispiel f√ľr √úbernutzung ist die Fischerei in den Ozeanen, wo es jedermann au√üerhalb der Hoheitsgew√§sser freigestellt ist, Fischfang zu betreiben. [10] Der freie, kostenlose Marktzutritt ist ein Anreiz, m√∂glichst viele Speisefische zu fangen, so dass ein maximaler Erl√∂s entsteht. Hierin liegt die Tendenz zur √úberfischung. Dies ist ein soziales Dilemma, denn jeder einzelne hat einen Anreiz, die Nutzung des Allmendegutes zu steigern, die daraus resultierende √úbernutzung senkt jedoch den gesamtgesellschaftlichen Nutzen.

Raubbau

Illegale Entwaldung in Brasilien

F√ľr das aus 1896 stammende Meyers Konversations-Lexikon war der Raubbau noch auf den Raubbau im Bergbau ( englisch overexploitation) und die Landwirtschaft ( englisch overcropping) begrenzt. Im Bergbau hatte er zum Ziel, nur die gewinnbringendsten Erze abzubauen; in der Landwirtschaft bestand Raubbau darin, die dem Ackerboden entzogenen wertvollen Mineralien (wie Kalisalz oder Phosphors√§ure) nicht oder nur unzureichend durch D√ľnger zu ersetzen. [11] Die Abholzung des tropischen Regenwaldes ist der Worst Case des Raubbaus in der Forstwirtschaft. [12]

Heute ist Raubbau zur Metapher geworden, die eine √úbernutzung anzeigt. [13] Allgemein wird von einem ‚ÄěRaubbau am K√∂rper‚Äú oder ‚ÄěRaubbau an der Gesundheit‚Äú gesprochen, wenn der K√∂rper √ľberm√§√üig beansprucht und damit gesch√§digt wird (z. B. zur Begr√ľndung von Arbeitszeitvorschriften). [14] Ein weiteres Beispiel f√ľr eine metaphorische Verwendung ist das Schlagwort vom ‚ÄěRaubbau an der Natur‚Äú. [15]

Folgen

Eine √úbernutzung etwa durch √úberd√ľngung und √úberweidung bewirkt eine anthropogene Bodendegradation oder Desertifikation. [16] √úbernutzung kann zum gro√üfl√§chigen Bodenabtrag durch Denudation und Erosion, zur Verkrustung oder Versalzung und zum Verlust der Biodiversit√§t f√ľhren. [17] In der Forstwirtschaft f√ľhrt der Kahlschlag ohne nachfolgende Wiederaufforstung zu Erdrutschen, Schuttstr√∂men, √úberschwemmungen oder Winderosion mit anschlie√üender Desertifikation.

Aufgrund des Raubbaus im Wald dehnen sich die D√ľrre- und √Ėdl√§nder immer weiter aus. UNEP zufolge sind 75 % der Landmasse Australiens, 55 % Afrikas, 25 % Asiens und 20 % Nordamerikas in W√ľste verwandelt. [18] Die FAO geht davon aus, dass mehr als 25 % aller Fischbest√§nde ersch√∂pft oder von Ersch√∂pfung durch √úberfischung bedroht sind, weitere 50 % werden am biologischen Limit befischt. [19]

Begrenzung/Vermeidung

Der √úbernutzung kann durch reglementierende Mengenbeschr√§nkung individueller Nutzung gegen√ľber den Nutzern begegnet werden. [20] Als Kontingentierung stehen Produktionsquoten ( Fangquoten beim Fischfang, Abschusspl√§ne bei der Jagd, Milchquoten in der Landwirtschaft usw.), Grenzwerte oder Richtwerte ( Umweltschutz) zur Verf√ľgung. Weitere Strategien sind die Internalisierung der Umweltsch√§den durch Monetarisierung der Umweltkosten [21] und deren Umlage auf die Verursacher oder die Einf√ľhrung von Steuern ( CO2-Steuer, Umweltsteuer). Ein extensiver Naturschutz (etwa durch Gr√ľndung und Management von Naturschutzgebieten, Naturparks oder Nationalparks) beugt einer Ausbeutung durch den Menschen vor.

Wirtschaftliche Aspekte

Die √úbernutzung nat√ľrlicher Ressourcen f√ľhrt zu einer Dezimierung der Best√§nde von Pflanzen oder Tieren bis hin zum Artensterben und stellt eine nicht nachhaltige Nutzung der Natur dar, weil die Entnahme rascher erfolgt als der nat√ľrliche Zuwachs. [22] Dabei ist zu bedenken, dass die Nutzung oder der Verbrauch von Land, Wasser oder Luft diese nicht verschwinden l√§sst, sondern sie in ihrer Qualit√§t verschlechtert (aus Trinkwasser wird Abwasser). Um den urspr√ľnglichen Qualit√§tsstandard wiederherzustellen, entstehen Kosten (Errichtung und Betrieb von Kl√§ranlagen). W√ľrden diese Investitionen nicht vorgenommen, entst√ľnden dauerhafte Umweltsch√§den.

Elinor Ostrom zeigte 1990 auf, dass der kollektive Nutzen bei Gemeingut durch zunehmende individuelle Nutzenmaximierung abnimmt und auf lange Frist ganz verschwindet. [23] Sie kam zu dem Ergebnis, dass f√ľr eine angemessene und nachhaltige Bewirtschaftung von lokalen Allmenderessourcen in vielen F√§llen eine institutionalisierte lokale Kooperation durch kollektives Handeln sowohl staatlicher Kontrolle als auch Privatisierungen √ľberlegen sei.

Nicht nachhaltige Landwirtschaft und der Raubbau an W√§ldern erh√∂hen das Risiko von Naturkatastrophen. [24] Die √úbernutzung der nat√ľrlichen Umwelt kann nach dem umwelt√∂konomischen Grundmodell durch die Internalisierung der negativen externen Effekte vermieden werden. Wenn den Verursachern negativer externer Effekte die sozialen Kosten ihrer Aktivit√§ten zunehmend angelastet werden, f√ľhrt dies zu einer effizienten Verwendung der nat√ľrlichen Umwelt. [25] Die Umwelt w√ľrde dann nur so lange belastet wie die Grenzkosten der Umweltbelastung unterhalb der Grenzkosten der Schadensvermeidung liegen.

√úbernutzung ist eine Erscheinungsform des Extraktivismus, einem ‚Äě Akkumulationsmodell, das auf einer √ľberm√§√üigen Ausbeutung immer knapper werdender, meist nicht erneuerbarer, nat√ľrlicher Ressourcen beruht, sowie auf der Ausdehnung dieses Prozesses auf Territorien, die bislang als ‚Äöunproduktiv‚Äė galten‚Äú. [26]

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ Kenneth T. Frank/Brian Petrie/Jae S. Choi/William C. Leggett, Trophic Cascades in a Formerly Cod-Dominated Ecosystem, in: Science, 2005, S. 1621‚Äď1623
  2. ‚ÜĎ Holger Rogall, √Ėkologische √Ėkonomie, 2008, S. 69
  3. ‚ÜĎ Holger Rogall, √Ėkologische √Ėkonomie, 2008, S. 70
  4. ‚ÜĎ Dirk Piekenbrock, Gabler Kompakt-Lexikon Volkswirtschaftslehre, 2009, S. 466
  5. ‚ÜĎ Garrett Hardin, The Tragedy of the Commons, in: Science 162, 1968, S. 1243‚Äď1248
  6. ‚ÜĎ Bernhard Nagel, Eigentum, Delikt und Vertrag, 2003, S. 36 f.
  7. ‚ÜĎ Ruth Stanley, Gewalt und Konflikt in einer globalisierten Welt, 2001, S. 179
  8. ‚ÜĎ Klaus Spremann, Wirtschaft und Finanzen, 2013, S. 40
  9. ‚ÜĎ Carlo J. Burschel/Martin Weigert/Werner F. Schulz (Hrsg.), Lexikon Nachhaltiges Wirtschaften, 2001, S. 108
  10. ‚ÜĎ J√∂rg Beutel, Mikro√∂konomie, 2006, S. 342
  11. ‚ÜĎ Bibliographisches Institut (Hrsg.), Meyers Konversations-Lexikon, Band 13, 1889, S. 595
  12. ‚ÜĎ Heidelberger Club f√ľr Wirtschaft und Kultur e.V. (Hrsg.), Globalisierung: Der Schritt in ein neues Zeitalter, 1997, S. 211
  13. ‚ÜĎ Friedrich Kluge, Etymologisches W√∂rterbuch der deutschen Sprache, 24. Auflage, 2002, S. 746; ISBN 3-11-017473-1
  14. ‚ÜĎ Walter Kaskel, Arbeitsrecht, in: Enzyklop√§die der Rechts- und Staatswissenschaft, 2013, S. 253
  15. ‚ÜĎ Otto Schlecht, Grundlagen und Perspektiven der sozialen Marktwirtschaft, Band 27, 1990, S. 34
  16. ‚ÜĎ Konrad Ott/Jan Dierks/Lieske Voget-Kleschin (Hrsg.), Handbuch Umweltethik, 2016, S. 249
  17. ‚ÜĎ Rolf Hofmeier, Kleines Afrika-Lexikon, 2004, S. 67 f.
  18. ‚ÜĎ Holger Rogall, √Ėkologische √Ėkonomie, 2008, S. 35
  19. ‚ÜĎ FAO, The State of Food Insecurity in the World, 2015, S. 1 ff.
  20. ‚ÜĎ Dirk Piekenbrock, Gabler Kompakt-Lexikon Volkswirtschaftslehre, 2009, S. 466
  21. ‚ÜĎ Holger Rogall, Volkswirtschaftslehre f√ľr Sozialwissenschaftler, 2013, S. 135
  22. ‚ÜĎ Ewald Weber, Biodiversit√§t ‚Äď Warum wir ohne Vielfalt nicht leben k√∂nnen, 2018, S. 260 f.
  23. ‚ÜĎ Elinor Ostrom, Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action, 1990, S. 1 ff.
  24. ‚ÜĎ Merlin R. Mechler, Naturkatastrophen und Globaler Wandel, in: Carlo J. Burschel/Martin Weigert/Werner F. Schulz (Hrsg.), Lexikon Nachhaltiges Wirtschaften, 2001, S. 258
  25. ‚ÜĎ Franz-Josef Dreyhaupt (Hrsg.), VDI-Lexikon Umwelttechnik, 1994, S. 1243
  26. ‚ÜĎ Maristella Svampa, Bergbau und Neo-Extraktivismus in Lateinamerika, in: Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika (Hrsg.), Der Neue Extraktivismus, 2012. S. 14