ValĂ©ry Giscard d’Estaing Information

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Giscard d’Estaing (1975)
Unterschrift von ValĂ©ry Giscard d’Estaing

ValĂ©ry RenĂ© Marie Georges Giscard d’Estaing (Aussprache: [valeˈʀi ʒisˌkaʀdɛsˈtɛ̃] Audio-Datei / Hörbeispiel anhören ?/ i; * 2. Februar 1926 in Koblenz, Deutsches Reich; † 2. Dezember 2020 in Authon, DĂ©partement Loir-et-Cher [1]; kurz Giscard oder mit seinen Initialen VGE genannt) war ein französischer Politiker, der von 1974 bis 1981 StaatsprĂ€sident von Frankreich war.

Zuvor war er Vorsitzender der liberalen RĂ©publicains indĂ©pendants sowie 1962–1966 und 1969–1974 Finanz- und Wirtschaftsminister. Nach seiner PrĂ€sidentschaft war er Vorsitzender des von ihm gegrĂŒndeten bĂŒrgerlichen ParteienbĂŒndnisses UDF sowie von 1986 bis 2004 PrĂ€sident des Regionalrats der Auvergne. 2002 trat er zur neuen Mitte-rechts-Partei UMP ĂŒber. Als „Elder Statesman“ war Giscard 2002/03 PrĂ€sident des EuropĂ€ischen Verfassungskonvents und gehörte ab 2003 der AcadĂ©mie française sowie ab 2004 dem französischen Verfassungsrat an.

Familie und Jugend

Gedenkstein am Geburtsort von ValĂ©ry Giscard d’Estaing in den Rheinanlagen von Koblenz

ValĂ©ry Giscard d’Estaing wurde als Sohn von Finanzinspektor Jean Edmond Lucien Giscard d’Estaing (* 29. MĂ€rz 1894 in Clermont-Ferrand; † 3. August 1982 in Chanonat) und May Marthe ClĂ©mence Jacqueline Marie Bardoux (1901–2003) in Koblenz geboren, wo sein Vater ab 1921 als Oberfinanzinspektor der französischen Besatzungsarmee im Rheinland stationiert war. Kurz nach der Geburt seines Sohnes wurde er im Juli 1926 nach Paris versetzt, wo er im Finanzministerium, spĂ€ter im Conseil d’Etat diente und von 1932 bis 1947 BĂŒrgermeister von Chanonat war. Er wurde auch Mitglied des Institut de France.

ValĂ©ry Giscard d’Estaing wurde in Clermont-Ferrand eingeschult, wo er auf die École Gerson und das LycĂ©e Blaise-Pascal ging, bevor er in Paris die Gymnasien LycĂ©e Janson de Sailly und LycĂ©e Louis-le-Grand besuchte. 1942 absolvierte er ein double baccalaurĂ©at (Zweifach-Abitur) in Philosophie und Elementarmathematik. Nach dem Abitur trat er wieder in das LycĂ©e Louis-le-Grand fĂŒr ein Vorbereitungsjahr ein, um sich fĂŒr ein Studium an Elitehochschulen zu bewerben.

Doch der Zweite Weltkrieg unterbrach diese Planung. Paris war seit Juni 1940 unter deutscher Besatzung. Im August 1944 schloss sich Giscard mit 18 Jahren der RĂ©sistance an. Bei der Befreiung von Paris wurde er der Gruppe zugeteilt, die den Politiker Alexandre Parodi schĂŒtzte. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges meldete sich ValĂ©ry Giscard d’Estaing freiwillig als Soldat. Mit den Forces françaises libres nahm er in der 1. Armee unter General de Lattre de Tassigny am Vormarsch nach SĂŒddeutschland teil. Er war an den KĂ€mpfen um Behla und Blumberg im SĂŒdschwarzwald beteiligt und rĂŒckte am 26. April 1945 im ersten Panzer in Konstanz ein. FĂŒr seine Tapferkeit wurde er mit einer namentlichen ErwĂ€hnung im Armeebericht ausgezeichnet. [2] [3]

ValĂ©ry Giscard d’Estaing in den 1940er-Jahren

Im Anschluss nahm er das Vorbereitungsjahr am LycĂ©e Louis-le-Grand wieder auf und bewarb sich fĂŒr ein Studium an zwei Elitehochschulen. ZunĂ€chst wurde er 1946 bei „X“, der École polytechnique, aufgenommen und machte dort 1948 seinen Abschluss. Unmittelbar danach peilte er das Studium an der École nationale d’administration (ENA) an. Sein Eintritt wurde durch den Erlass vom 19. Juli 1948 erleichtert, der es einem Polytechniker erlaubt, ohne VorprĂŒfung einzutreten.

Bevor er das Studium an der ENA aufnahm, reiste er in die Vereinigten Staaten und nach Kanada: Er fand in Montreal eine befristete Stelle als Lehrer am CollĂšge Stanislas. Am 3. Januar 1949 trat er der ENA bei. Er absolvierte ein achtmonatiges Praktikum im Saarland, an dessen Ende er eine Dissertation mit dem Titel Le Rattachement Ă©conomique de la Sarre Ă  la France („Die wirtschaftliche Anbindung des Saarlandes an Frankreich“) schrieb, fĂŒr die er die Note 19/20 erhielt. Nach Abschluss der ENA als sechster (von 385) seines Jahrgangs (Promotion „Europa“ 1949–1951) trat er in die Generalinspektion der Finanzen ein.

1952 heiratete er Anne-Aymone Sauvage de Brantes, mit der er vier Kinder hatte:

  • ValĂ©rie-Anne (* 1953, Verlegerin, Galeristin und Photographin),
  • Henri (* 1956, Vorstandsvorsitzender des Club MĂ©diterranĂ©e),
  • Louis (* 1958, Abgeordneter und BĂŒrgermeister von ChamaliĂšres) und
  • Jacinte (1960–2018, TierĂ€rztin und Reiterin).

Der Arzt Robert Giscard (1923–1993) und dessen Bruder, der Agrarwissenschaftler Alain Giscard, beide BrĂŒder der GAEC (französisch „agrargenossenschaftliche Körperschaft“) der CommunautĂ© de TaizĂ©, sind seine Vettern.

FrĂŒhe politische Karriere

Finanzminister Giscard 1964

Noch im Jahr 1952 begann Giscard d’Estaing seine berufliche Laufbahn nach dem Vorbild des Vaters in der Finanzinspektion. Dort verblieb er bis 1956, legte aber diese Aufgabe nieder, um ein Abgeordnetenmandat fĂŒr das DĂ©partement Puy-de-DĂŽme anzunehmen, fĂŒr das schon sein Großvater lange Zeit einen Sitz innegehabt hatte. Am 2. Januar 1956 wurde er fĂŒr das rechtsliberale Centre national des indĂ©pendants et paysans (CNIP) in die Nationalversammlung gewĂ€hlt. Von 1956 bis 1958 war Giscard d’Estaing Mitglied der französischen UNO-Delegation.

Im Januar 1959 wurde er schließlich als jĂŒngstes Kabinettsmitglied StaatssekretĂ€r im Finanzministerium. Drei Jahre spĂ€ter wurde er auf Vorschlag des Premierministers Georges Pompidou zum Minister fĂŒr Finanzen und wirtschaftliche Fragen ernannt. Das CNIP spaltete sich im selben Jahr aufgrund der von PrĂ€sident Charles de Gaulle initiierten Verfassungsreform, nach der der StaatsprĂ€sident kĂŒnftig direkt vom Volk gewĂ€hlt werden sollte. WĂ€hrend die Mehrheit und FĂŒhrung des CNIP die Änderung ablehnte und der Regierung das Misstrauen aussprach, gehörte Giscard zu den BefĂŒrwortern. Mit einer Gruppe weiterer Abgeordneter (u. a. Raymond Marcellin, Jean de Broglie) verließ er das CNIP und grĂŒndete die Fraktion der RĂ©publicains indĂ©pendants (unabhĂ€ngige Republikaner). Giscard erzielte beachtliche Erfolge in der Haushalts-, StabilitĂ€ts- und WĂ€hrungspolitik, doch seine PopularitĂ€t schwand schnell. Nachdem es ihm nur knapp gelungen war, sich bei der folgenden Wahl 1965 gegenĂŒber dem rivalisierenden Kandidaten durchzusetzen, ĂŒbertrug PrĂ€sident de Gaulle das Ministerium Anfang 1966 Michel DebrĂ©.

FNRI-Vorsitzender und „Superminister“

Nach seiner Entlassung als Minister bemĂŒhte er sich, die RĂ©publicains indĂ©pendants unabhĂ€ngiger vom gaullistischen Koalitionspartner zu machen. Bis dahin hatte die Gruppierung nur als Parlamentsfraktion existiert, nun grĂŒndete Giscard ergĂ€nzend die FĂ©dĂ©ration nationale des rĂ©publicains et indĂ©pendants (FNRI, „Nationales BĂŒndnis der Republikaner und UnabhĂ€ngigen“) als außerparlamentarische Parteiorganisation [4] und wurde deren erster Vorsitzender. Die unabhĂ€ngigen Republikaner trafen zwar bei Wahlen weiterhin Absprachen mit der gaullistischen UDR, um sich im Mehrheitswahlsystem Parlamentsmandate zu sichern, und waren als kleiner Koalitionspartner an der Regierung beteiligt, Giscard Ă€ußerte aber zunehmend öffentliche Kritik und grenzte sich vorsichtig von der gaullistischen Regierungsmehrheit ab. Dies kann als Strategie des « oui, mais
 Â» („Ja, aber
“) zusammengefasst werden. [4] [5]

Von April 1967 bis Juli 1969 war Giscard d’Estaing erneut Abgeordneter des 2. Wahlkreises von Puy-de-DĂŽme in der Nationalversammlung. Daneben war er von 1967 bis zu Beginn seiner PrĂ€sidentschaft 1974 BĂŒrgermeister der Kleinstadt ChamaliĂšres in der Auvergne.

Er bekannte sich erstmals offen zu den Zielsetzungen einer EuropĂ€ischen Einigung und unterstĂŒtzte in diesem Zusammenhang die Bewerbung des Vereinigten Königreichs um Aufnahme in die EuropĂ€ische Wirtschaftsgemeinschaft 1969. Seine Partei erlitt bei der Wahl zur Nationalversammlung 1968 eine Niederlage. Beim Referendum 1969 zur Senats- und Regionalreform gab die FNRI keine Wahlempfehlung ab: Die meisten ihrer Abgeordneten und Minister waren dafĂŒr, Giscard persönlich erklĂ€rte jedoch öffentlich, dagegen zu stimmen. [6]

Giscard prĂ€sentierte sich volksnah und locker, womit er sich von den meisten französischen Politikern (allen voran de Gaulle) abhob, die in der Öffentlichkeit förmlich und distanziert wirkten. Bei einer in seiner Wohnung aufgezeichneten Fernsehsendung erschien er im Pullover statt mit Anzug und Krawatte. Von einer Parteiversammlung fuhr er mit der Metro statt mit dem Dienstwagen zum Finanzministerium. Großes Aufsehen erregte ein öffentlicher Auftritt im Juli 1969, bei dem er im karierten Hemd Akkordeon spielte. Auch beim Fußball- oder Polospielen, Skifahren und Baden im Meer ließ sich Giscard fotografieren und filmen. Auch seine Familie wurde nicht von der Öffentlichkeit abgeschirmt, sondern war oft an seiner Seite zu sehen. Dies entsprach eher einem Stil, den man von amerikanischen Politikern kannte, und fĂŒhrte zum Vergleich Giscards mit John F. Kennedy. [7] [8] Von „JFK“ ĂŒbernahm er auch den Brauch, ein NamenskĂŒrzel zu verwenden: Jugendliche AnhĂ€nger trugen im Wahlkampf T-Shirts mit der Aufschrift « VGE Ă  la barre Â» („VGE ans Ruder“). [9]

Als PrĂ€sident de Gaulle 1969 zurĂŒcktrat und damit eine vorgezogene PrĂ€sidentschaftswahl auslöste, erwog Giscard zu kandidieren. Der Zeitpunkt erschien ihm aber noch zu frĂŒh, denn er fĂŒrchtete, eine Niederlage wĂŒrde seine politische Karriere auf lange Sicht gefĂ€hrden. Stattdessen unterstĂŒtzten Giscard und seine RĂ©publicains indĂ©pendants den gaullistischen Kandidaten Georges Pompidou. Als „Belohnung“ fĂŒr diese UnterstĂŒtzung wurde Giscard nach Pompidous Wahlsieg erneut zum Minister fĂŒr Finanzen und Wirtschaft ernannt. [10] Als solcher gehörte er dem Kabinett von Premierminister Jacques Chaban-Delmas von 1969 bis 1972 an. Auch Pierre Messmer, Premierminister von 1972 bis 1974, bestĂ€tigte Giscard in dieser Funktion. Deutschsprachige Medien titulierten ihn in dieser Zeit als „Superminister“. [11] [12]

Als durch den Tod Pompidous 1974 abermals eine vorgezogene PrĂ€sidentschaftswahl erforderlich wurde, prĂ€sentierte sich Giscard d’Estaing als Kandidat. Er wollte aber nicht als Parteikandidat der RĂ©publicains indĂ©pendants wahrgenommen werden, sondern als ĂŒberparteiliche Persönlichkeit der bĂŒrgerlichen Mitte. In der ErklĂ€rung seiner Kandidatur wandte er sich an „Sie alle, UDR-WĂ€hler, unabhĂ€ngige Republikaner, Zentristen, Reformer.“ [13] Neben seiner eigenen Partei nominierten ihn auch die kleineren bĂŒrgerlichen Parteien Centre dĂ©mocrate, Centre rĂ©publicain, CNIP sowie – wenige Tage vor der Wahl – die linksliberale Parti radical von Jean-Jacques Servan-Schreiber als ihren Kandidaten fĂŒr die PrĂ€sidentschaft. Hinzu kam ein abtrĂŒnniger FlĂŒgel der Gaullisten – deren prominenter Vertreter Jacques Chirac war – der sich gegen den offiziellen UDR-Kandidaten Chaban-Delmas und fĂŒr Giscard d’Estaing aussprach. [14]

So gelang es Giscard d’Estaing, sich im ersten Wahlgang der PrĂ€sidentschaftswahlen 1974 mit 32,6 % als stĂ€rkster Kandidat des Mitte-rechts-Lagers gegen Chaban-Delmas durchzusetzen. Noch war er aber schwĂ€cher als François Mitterrand, der mit 43,25 % ein geeintes LinksbĂŒndnis hinter sich hatte. Zwischen den beiden WahlgĂ€ngen wurde am 10. Mai 1974 erstmals eine Fernsehdebatte zwischen den beiden Kandidaten fĂŒr die Stichwahl abgehalten, die 25 Millionen Franzosen verfolgten. Mitterrand warf seinem Kontrahenten in diesem Rededuell vor, nur die Interessen der Privilegierten zu verteidigen und sagte, dass Politik „nicht nur eine Frage des Intellekts, sondern auch des Herzens“ sei. Darauf konterte Giscard: « Vous n’avez pas, monsieur Mitterrand, le monopole du cƓur Â» („Sie verfĂŒgen nicht ĂŒber das Monopol der Herzen“). [15] [16] Giscard entschied die Stichwahl mit 50,81 % der WĂ€hlerstimmen fĂŒr sich. Am 27. Mai 1974 ĂŒbernahm er als mit 48 Jahren bis dahin jĂŒngster Kandidat das Amt des französischen StaatsprĂ€sidenten.

PrÀsidentschaft

Giscard mit Jimmy Carter 1978

Von 1974 bis 1981 war Giscard d’Estaing StaatsprĂ€sident von Frankreich. Als PrĂ€sident ernannte er Chirac zum Premierminister. Infolge von Spannungen zwischen den beiden trat Chirac 1976 zurĂŒck. An seine Stelle trat im August der Parteilose Raymond Barre, den der PrĂ€sident als den „herausragendsten Ökonomen Frankreichs“ bezeichnete und mit dem er einen umfassenden Plan zur Wirtschafts- und Sozialreform vorbereitete. Barre stand dem Kabinett bis zum Ende von Giscards PrĂ€sidentschaft vor.

In seine Amtszeit fielen gesellschaftspolitische Reformprojekte, wie die Gesetzgebung zur Ehescheidung in gegenseitigem Einvernehmen oder zur Abtreibung. Das VolljĂ€hrigkeitsalter wurde von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt. Giscard d’Estaing bezeichnete sich selbst als Gegner der Todesstrafe. Die meisten Todesurteile wandelte er in lebenslange Freiheitsstrafen um. Drei Verurteilte, denen er die Begnadigung verweigerte, wurden allerdings unter seiner PrĂ€sidentschaft hingerichtet, zuletzt 1977 Hamida Djandoubi als das letzte Opfer der Todesstrafe in Frankreich. Aufgrund der öffentlichen Meinung, die mehrheitlich fĂŒr eine Beibehaltung war, setzte Giscard d’Estaing die Abschaffung der Todesstrafe nicht auf die politische Tagesordnung. Erst 1981 wurde sie von seinem Nachfolger François Mitterrand abgeschafft. [17]

Die Amtszeit von ValĂ©ry Giscard d’Estaing war geprĂ€gt von einer Stagflation seit der ersten Ölkrise im Jahr 1973/74. Der Französische Franc verlor gegenĂŒber der D-Mark deutlich an Wert. [18] Die beiden Ölpreisschocks von 1973/74 und 1979/80 verstĂ€rkten die ohnehin vorhandene Inflation. Die AbhĂ€ngigkeit aller IndustrielĂ€nder von (billigem) Öl wurde deutlich. Frankreich reagierte darauf unter anderem mit einem massiven Ausbau der Kernenergie, den Giscards Parteikollege und Industrieminister AndrĂ© Giraud vorantrieb. Angesichts der Notwendigkeit zur Energieeinsparung fĂŒhrte Giscard 1975 die Sommerzeit ein. Ab etwa 1975 gab es eine neue Form von Massenarbeitslosigkeit. FĂŒr die geburtenstarken JahrgĂ€nge gab es nicht genug ArbeitsplĂ€tze. Auch dem Kabinett Barre (ab MĂ€rz 1976) gelang es nicht, dies zu Ă€ndern.

Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt beim Treffen der EG-Regierungschefs in Den Haag, 1976

Als entschiedener BefĂŒrworter der EuropĂ€ischen Integration bestand seine Vision schon vor seinem Eintritt in die aktive Politik aus einem Staatenbund nach Vorbild der Vereinigten Staaten von Amerika. In diesem Rahmen, als dritte Alternative zu einem ĂŒbernationalen Europa und einem Nationalstaat, begrĂŒndete er die regelmĂ€ĂŸige Abhaltung von Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der EG (aus diesen ging spĂ€ter der EuropĂ€ische Rat hervor) und unterstĂŒtzte die Erweiterung der Befugnisse des EuropĂ€ischen Parlaments, insbesondere in Bezug auf Fragen der Budgetverwendung. FĂŒr das EuropĂ€ische Parlament wurde erstmals 1979 eine Direktwahl nach allgemeinen und unmittelbaren AbstimmungsgrundsĂ€tzen eingefĂŒhrt.

Als Reaktion auf den Zusammenbruch des WeltwĂ€hrungssystems von Bretton Woods und der mit den Ölpreis-Schocks verbundenen rasanten Inflation leitete Giscard gemeinsam mit dem deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt die Staaten der EuropĂ€ischen Gemeinschaft an, Schritte zur Überwindung des WĂ€hrungsverfalls einzuleiten. Hierzu initiierten sie 1978 das EuropĂ€ische WĂ€hrungssystem (EWS) zur Reduzierung der Wechselkursrisiken zwischen den Mitgliedsstaaten. Die im Zusammenhang mit dem EWS 1979 aus dem WĂ€hrungskorb geschaffene RechnungswĂ€hrung ECU ( European Currency Unit) war VorlĂ€ufer des Euro.

ValĂ©ry Giscard d’Estaing (r.) zusammen mit Giulio Andreotti, Fukuda Takeo, Jimmy Carter und Helmut Schmidt auf dem G7-Gipfel in Bonn (1978)

Dank der großen wirtschafts- und finanzpolitischen Übereinstimmung zwischen d’Estaing und Helmut Schmidt entwickelten die beiden befreundeten Politiker den Plan von informellen Treffen der wirtschaftlich wichtigsten Staaten USA, Japan, Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Italien, die sich im November 1975 im Schloss Rambouillet auf Einladung Giscard d’Estaings erstmals zu „ KamingesprĂ€chen“ ohne feste Tagesordnung, Protokoll und große StĂ€be trafen. Im Jahr darauf wurde die Gruppe um Kanada zur G7 erweitert.

Giscard d’Estaing wahrte die ökonomische und politische Position Frankreichs gegenĂŒber den afrikanischen Staaten, wie auch gegenĂŒber den SupermĂ€chten. Er betonte wiederholt die volle politische Entscheidungsfreiheit seines Landes, das nie zur „Provinz einer Supermacht“ degradiert werden dĂŒrfe. Er traf sich im Mai 1980 mit Leonid Breschnew in Warschau ohne greifbares Ergebnis, nachdem er die sowjetische Intervention in Afghanistan zurĂŒckhaltend kommentiert hatte. Er forderte die Bundesrepublik Deutschland dazu auf, die Rolle Europas in der Weltpolitik zu festigen, was den (damals geringen) westdeutschen Spielraum in der Außenpolitik erweiterte.

Vom Willen nach einer Modernisierung beseelt, vereinfachte er die protokollarischen Vorschriften fĂŒr den PrĂ€sidentenpalast und bemĂŒhte sich auch sonst um eine gewisse VolksnĂ€he. Am Abend seiner Wahl hielt er neben Reden auf Französisch auch ein kurze improvisierte Rede auf Englisch, was damals fĂŒr französische Politiker sehr ungewöhnlich war und bei den Anwesenden fĂŒr Erstaunen sorgte.

Giscard d’Estaing traf wĂ€hrend seiner PrĂ€sidentschaft auch eine Reihe von symbolischen Entscheidungen: Noch im Jahr seines Amtsantritts 1974 ordnete er an, die Nationalhymne – La Marseillaise – kĂŒnftig in einem langsameren Tempo zu spielen, um sie weniger kriegerisch und stĂ€rker staatstragend klingen zu lassen. [19] Dies wurde sieben Jahre spĂ€ter von seinem Nachfolger François Mitterrand wieder rĂŒckgĂ€ngig gemacht. [20] Nach dem Ende seiner Amtszeit ging Giscard noch weiter und stellte auch den martialischen Text der Hymne in Frage. Die offiziellen Feiern zum Tag der Befreiung am 8. Mai (Jahrestag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht 1945) schaffte Giscard 1974/75 ab und fĂŒhrte stattdessen einen „Europatag“ ein. [21] Giscard schien es nicht mehr zeitgemĂ€ĂŸ, den Sieg ĂŒber ein Nachbarland zu feiern, mit dem Frankreich mittlerweile eng verbĂŒndet und befreundet war. Dagegen protestierten jedoch ehemalige RĂ©sistance-KĂ€mpfer und HolocaustĂŒberlebende [22] sowie Gaullisten, Kommunisten und Giscards spĂ€terer Nachfolger, der Sozialist François Mitterrand. [23] Dieser fĂŒhrte die Feiern zum 8. Mai nach seiner AmtsĂŒbernahme 1981 wieder ein.

Die traditionelle Neujahrsansprache des StaatsprĂ€sidenten hielt Giscard 1975 gemeinsam mit seiner Frau. [21] 1977 initiierte der PrĂ€sident eine neue Briefmarkenserie der französischen Post, auf der die Revolutionsikone Marianne durch ein Bild der Sabinerin Hersilia (eine Figur der römischen Mythologie, nach einem GemĂ€lde von Jacques-Louis David) ersetzt wurde, die ein Symbol der Versöhnung und Eintracht sein sollte. Zudem wurde auf den Briefmarken der Schriftzug RĂ©publique française zu France verkĂŒrzt. Unter Mitterrand kehrte die französische Post zur Revolutionsikone Marianne und der Aufschrift RĂ©publique française zurĂŒck. [24] [25]

Zum Ende seiner Amtszeit kam es zu einem Skandal, als bekannt wurde, dass der Diktator und spĂ€tere Kaiser der Zentralafrikanischen Republik, Bokassa, Giscard bei dessen Privat- oder Staatsbesuchen mit Diamanten beschenkt hatte. Letztlich gab Giscard die Geschenke zurĂŒck, doch sein Ansehen hatte – insbesondere im Hinblick auf die PrĂ€sidentschaftswahlen von 1981 – einen gewissen Schaden erlitten.

Im ersten Wahlgang lag der Amtsinhaber mit 28,3 % der WĂ€hlerstimmen vorn, schnitt jedoch schwĂ€cher ab als sieben Jahre zuvor. Vor der Stichwahl kam es abermals zum Fernsehduell zwischen den beiden verbleibenden Kandidaten, Giscard d’Estaing und François Mitterrand. Beim Wahlgang vierzehn Tage danach verfehlte Giscard mit 48,25 % die Mehrheit und musste sein Amt fĂŒr Mitterrand rĂ€umen.

Nach der PrÀsidentschaft

Giscard d’Estaing spricht 1990 bei einer Wahlkundgebung des Bundes Freier Demokraten in Dresden.

Giscard d’Estaing verzichtete zunĂ€chst auf den ihm zustehenden Sitz im Verfassungsrat ( Conseil constitutionnel) um sich stattdessen der DĂ©partemental- und Regionalpolitik in der Auvergne widmen zu können, wo er 1982 als Vertreter seines Heimatkantons ChamaliĂšres in den Generalrat des DĂ©partements Puy-de-DĂŽme gewĂ€hlt wurde. Diese Funktion hatte er bis 1988 inne. Sein politisches Comeback wollte er auf die Clubs Perspectives et RĂ©alitĂ©s stĂŒtzen, politische Klubs von in der bĂŒrgerlichen und liberalen Mitte verorteten, Giscard unterstĂŒtzenden Unternehmern und SelbststĂ€ndigen. Diese waren neben den vier GrĂŒndungsparteien der fĂŒnfte Bestandteil des von Giscard mitbegrĂŒndeten bĂŒrgerlichen ParteienbĂŒndnisses UDF. Am 23. September 1984 wurde er bei einer Nachwahl fĂŒr einen frei gewordenen Sitz in die Nationalversammlung gewĂ€hlt. Dieser gehörte er bis 1989 an. Zudem wurde Giscard 1986 Vorsitzender des Regionalrates der Auvergne und blieb dies bis 2004.

1988 ĂŒbernahm er die FĂŒhrung der UDF. Er vertrat die Auffassung, alle bĂŒrgerlichen KrĂ€fte (insbesondere UDF und die gaullistische RPR Chiracs) mĂŒssten kooperieren, um bei den folgenden Wahlen erfolgreicher zu sein. Bei der Europawahl 1989 trat Giscard als Spitzenkandidat der gemeinsamen Liste von RPR und UDF («L’Union») an. Diese musste deutliche Verluste hinnehmen und kam nur noch auf 28,9 % der Stimmen und 26 der 81 französischen Sitze (14 weniger als zuvor). Giscard gehörte dem EuropĂ€ischen Parlament von 1989 bis 1993 an. Er war in dieser Zeit zunĂ€chst Vorsitzender der liberalen Fraktion (VorlĂ€uferin der heutigen ALDE). Die Europaparlamentarier der UDF saßen damals zum Teil in der liberalen, zum Teil in der christdemokratischen EVP-Fraktion. Giscard war daher bestrebt, diese beiden Fraktionen zu vereinigen, was jedoch scheiterte. Daraufhin wechselte er Ende 1991 zusammen mit den ĂŒbrigen liberalen UDF-Abgeordneten im Europaparlament zur EVP-Fraktion, was einen herben Verlust fĂŒr die europĂ€ischen Liberalen darstellte. Anschließend verabredete Giscard mit Chirac, dass auch die Europaparlamentarier der gaullistischen RPR, die damals noch der nationalkonservativen RDE-Fraktion angehörten, zur EVP wechseln sollten (was jedoch erst 1999 erfolgte). Diese wurde dadurch von einer bloßen christdemokratischen Fraktion zum großen Sammelbecken des Mitte-rechts-Lagers im Europaparlament. [26] [27] Von 1989 bis 1997 war Giscard außerdem PrĂ€sident der internationalen EuropĂ€ischen Bewegung.

Noch vor Ende der Legislaturperiode gab er seinen Sitz im Europaparlament auf, um die UDF in die französische Parlamentswahl 1993 zu fĂŒhren. Bei dieser konnte das Mitte-rechts-BĂŒndnis «Union pour la France» aus RPR und UDF mit Jacques Chirac an der Spitze stark zulegen. Die UDF errang 215 Sitze, das beste Ergebnis in ihrer Geschichte. Giscard selbst war anschließend wieder als Abgeordneter von Puy-de-DĂŽme in der Nationalversammlung. Im Jahr 1995 scheiterte er knapp im Kampf um das BĂŒrgermeisteramt von Clermont-Ferrand – das seit 1935 in der Hand der Linken war: Er unterlag in der Stichwahl mit 49,1 % dem Amtsinhaber Roger Quilliot von den Sozialisten (in diesem zweiten Wahlgang wurde Giscard auch von der rechtsextremen Front National unterstĂŒtzt).

Einige Zeit widmete er sich einer schriftstellerischen TÀtigkeit. 1994 veröffentlichte er einen Roman.

Aus der Parti rĂ©publicain trat Giscard 1995 aus, nachdem der Parteivorsitzende François LĂ©otard alle Giscard-UnterstĂŒtzer (Giscardiens) von der Parteispitze verdrĂ€ngt hatte. Er blieb jedoch unmittelbares Mitglied (adhĂ©rent direct) der UDF, der er noch bis 1996 vorstand. Dann wurde er auch in dieser Position von LĂ©otard abgelöst. Bei der PrĂ€sidentschaftswahl 1995 unterstĂŒtzte Giscard – abweichend von der offiziellen UDF-Linie – die Kandidatur von Jacques Chirac und nicht Édouard Balladur. Zur BegrĂŒndung bezog er sich auf Balladurs armenische Abstammung: Dieser sei „orientalischer Herkunft“ mit einer „komplexen Kultur“ und neige zu „originellen VorschlĂ€gen“. Dies stelle eine Ungewissheit dar. Chirac stamme hingegen aus dem Limousin, verkörpere damit Zentralfrankreich und stimme stĂ€rker mit der „französischen Kultur, Gewohnheit und Lebensweise“ ĂŒberein. [28] Bei der Parlamentswahl 2002 kandidierte Giscard nicht mehr. An seiner Stelle wurde sein Sohn Louis Giscard d’Estaing zum Abgeordneten von Puy-de-DĂŽme in die Nationalversammlung gewĂ€hlt. [29]

EuropÀischer Konvent, Verfassungsrichter und Elder Statesman

Giscard d’Estaing auf der 50. MĂŒnchner Sicherheitskonferenz (2014)

In den 2000er-Jahren kĂŒmmerte sich Giscard weiterhin engagiert um Fragen der europĂ€ischen Einheit. Beim europĂ€ischen Gipfel von Laeken 2001 schließlich wurde er zum PrĂ€sidenten des EuropĂ€ischen Konvents (Convention sur l’Avenir de l’Europe) berufen. Aufgabe des Konvents war es, die Abstimmungsverfahren auf europĂ€ischer Ebene zu vereinfachen, die verschiedenen Abkommen zusammenzufassen und daraus einen Entwurf einer EuropĂ€ischen Verfassung auszuarbeiten. Am 15. Juli 2003 wurde der Entwurf vorgelegt.

Aufgrund dieser TĂ€tigkeit als PrĂ€sident des EuropĂ€ischen Konvents erhielt er im Jahr 2003 den Karlspreis der Stadt Aachen. Im Vorfeld des Referendums zur EuropĂ€ischen Verfassung 2005 unterstĂŒtzte er die Kampagne der BefĂŒrworter. Die Ablehnung kam aus seiner Sicht unerwartet. Zwischenzeitlich von den 25 Mitgliedsstaaten unterzeichnet, scheiterte der Vertrag in seiner damaligen Fassung an der Ablehnung der Franzosen (Mai 2005) und NiederlĂ€nder (Juni 2005) jeweils durch Volksabstimmung.

Nach dem Tod von LĂ©opold SĂ©dar Senghor wurde er am 11. Dezember 2003 mit 19 von 34 Stimmen zudem auf den freigewordenen Sitz 16 der AcadĂ©mie Française gewĂ€hlt.

2002 trat Giscard von der UDF zur Union pour un mouvement populaire (UMP), der von Chirac initiierten Sammelpartei des Mitte-rechts-Lagers, ĂŒber. Als ListenfĂŒhrer des Parteienzusammenschlusses UMP-UDF fĂŒr das DĂ©partement Puy-de-DĂŽme in der Auvergne bei den Regionalwahlen 2004 unterlag er im zweiten Wahlgang Pierre-NoĂ«l BontĂ© vom PS, dem zusammen mit den anderen linksgerichteten Parteien die Mehrheit der Regionen zufiel. Als er damit seinen Posten als Vorsitzender des Regionalrates verlor, fasste er den Entschluss, sich endgĂŒltig aus der aktiven Politik zurĂŒckzuziehen und nur noch seine Aufgaben im Verfassungsrat wahrzunehmen.

Abweichend von seiner politischen NeutralitĂ€t als Richter im Verfassungsrat erklĂ€rte Giscard bei den PrĂ€sidentschaftswahlen 2007 und 2012 seine UnterstĂŒtzung fĂŒr den UMP-Kandidaten Nicolas Sarkozy. Im Oktober 2012 sandte er hingegen eine Videobotschaft zum GrĂŒndungskongress der Union des dĂ©mocrates et indĂ©pendants (UDI), der er „viel GlĂŒck“ wĂŒnschte. [30] Bei der PrĂ€sidentschaftswahl 2017 sprach er sich fĂŒr François Fillon aus, den Kandidaten der inzwischen aus der UMP hervorgegangenen Les RĂ©publicains. [31]

Zur nachtrĂ€glichen Feier des 50. Jahrestages des ElysĂ©e-Vertrages am 23. Januar 2013 an der Internationalen Deutschen Schule Paris hielt Giscard d’Estaing eine Rede ĂŒber die deutsch-französische Freundschaft. [32]

Ein Privileg seiner Rolle als ExprĂ€sident war seit 1985 eine jĂ€hrliche AufwandsentschĂ€digung vom Staat fĂŒr Sicherheitsvorkehrungen, die Bezahlung von Mitarbeitern, Dienstwohnung und -fahrzeug. Im Jahr 2016 belief sich diese Zahlung auf 2,5 Millionen Euro, der höchste Betrag unter den drei zu diesem Zeitpunkt lebenden ExprĂ€sidenten. [33]

Tod

Er starb am 2. Dezember 2020 auf seinem Anwesen im zentralfranzösischen Authon an den Folgen von COVID-19. [34] Er wurde am 5. Dezember 2020 in Authon bestattet. [35]

Sonstiges

Als französischer StaatsprĂ€sident war Giscard d’Estaing gleichzeitig KofĂŒrst von Andorra.

Er beherrschte die deutsche Sprache fließend. [36]

Die „Soupe aux Truffes V. G. E.“, eine von einer BlĂ€tterteigkuppel bedeckte Schwarze-TrĂŒffel-Suppe, die vom Spitzenkoch Paul Bocuse anlĂ€sslich seiner Erhebung zum Ritter der französischen Ehrenlegion zubereitet wurde, ist nach Giscard (VGE) benannt. Sie wurde von dem damaligen PrĂ€sidenten gemeinsam mit dem dergestalt Geehrten eingenommen. [37]

Herkunft aus der Familie d’Estaing, Erwerb des Schlosses von Estaing

Chñteau d’Estaing

Giscard d’Estaings Familie stammt aus der Auvergne. Der adlige Nachname Giscards geht auf ein Dekret der Genehmigung der NamensĂ€nderung [38] des Französischen Staatsrates vom 17. Juni 1922 zurĂŒck, [39] bei dem sein Vater Edmond Giscard [40] und seine beiden Onkel Joseph und Philippe (sowie alle ihre Nachkommen) das Recht erhielten, den Nachnamen d'Estaing von ihrer 1844 verstorbenen Großmutter Lucie-Madeleine d’Estaing zu ĂŒbernehmen und ihn ihrem Nachnamen hinzuzufĂŒgen. [41]

Die Schloss- und Freiherren aus dem gleichnamigen Dorf Estaing ( DĂ©partement Aveyron, SĂŒdfrankreich) fĂŒhren ihre Ahnenreihe bis auf Richard Löwenherz zurĂŒck. Seit dem 15. Jahrhundert gibt es dort in der Haute VallĂ©e du Lot ein Schloss, das Giscard d’Estaing zusammen mit seinem Bruder Olivier, frĂŒherer BĂŒrgermeister von Estaing, und einem gemeinsamen Vetter im Februar 2005 fĂŒr 750.000 Euro erwarb. Zwischen 1836 und 2000 wohnten hier Nonnen der Josefschwestern von Lyon. Nach der Restaurierung soll es zu einer Kultur- und BegegnungsstĂ€tte werden, in dem Konzerte, Begegnungen und Tagungen abgehalten sowie seine persönlichen Aufzeichnungen als PrĂ€sident der Convention EuropĂ©enne archiviert werden.

Der Wissenschafts- und Freizeitpark „Vulcania“

Giscard begeisterte sich fĂŒr die Vulkanlandschaft des Zentralmassivs. In den 1990er Jahren begann er sein Engagement fĂŒr die Einrichtung eines Wissenschafts- und Freizeitparks Vulcania. Gegen die Meinung des zustĂ€ndigen Expertengremiums setzte er einen eigenen Architekten durch, den Österreicher Hans Hollein, und betrieb das Projekt weiter. 1997 wurde mit den Bauarbeiten begonnen, die Einweihung fand am 20. Februar 2002 statt. Die geplanten Baukosten wurden um ein Vielfaches ĂŒberschritten. [42]

Auszeichnungen

Giscard d’Estaing (2. v. l.) mit Ordensstern der Ehrenlegion sowie Schulterband und Bruststern des Bundesverdienstkreuzes, neben ihm Carlo Schmid, Walter Scheel und Mildred Scheel

Publikationen

  • DĂ©mocratie Française (dt. Französische Demokratie), Essay, 1976.
deutsche Übersetzung von Joachim A. Frank: Französische Demokratie, S. Fischer, Frankfurt am Main 1977, ISBN 3-10-024501-6.
  • Deux Français sur Trois (dt. Zwei von drei Franzosen), Essay, 1984.
deutsche Übersetzung von Gerd Treffer: Zwei von drei Franzosen, Defap, Ingolstadt 1987, ISBN 3-926357-01-0.
  • Le Pouvoir et la Vie (dt. Macht und Leben – Begegnung), Denkschrift, 1. Teil: La Rencontre, Compagnie 12, Paris 1988.
deutsche Übersetzung von Widulind Clerc-Erle, Martina Drescher: Macht und Leben: Erinnerungen, Ullstein, Frankfurt am Main / Berlin 1988, ISBN 3-550-07936-2, 2. Auflage 1991, ISBN 3-548-34701-0.
  • Le Pouvoir et la Vie (dt. Macht und Leben – Auseinandersetzungen), Denkschrift, 2. Teil: L’Affrontement, 1991.
  • Le Passage (dt. Der Durchgang), Roman, 1994.
  • Dans cinq ans, l’an 2000 (dt. In fĂŒnf Jahren das Jahr 2000), 1995.
  • Les Français, RĂ©flexion sur le Destin d’un Peuple (dt. Die Franzosen, Überlegungen zur Zukunft eines Volkes), 2000.
  • Giscard d’Estaing – Entretien avec Agathe Fourgnaud (dt. Giscard d’Estaing – GesprĂ€ch mit Agathe Fourgnaud)
  • Giscard d’Estaing prĂ©sente la Constitution pour l’Europe (dt. Giscard d’Estaing stellt die EuropĂ€ische Verfassung vor), 2003.

Literatur

Weblinks

Commons: ValĂ©ry Giscard d'Estaing â€“ Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Edouard Pflimlin: ValĂ©ry Giscard d’Estaing, ancien prĂ©sident de la RĂ©publique, est mort. In: lemonde.fr. 2. Dezember 2020, abgerufen am 2. Dezember 2020 (französisch).
  2. ↑ Georges Valance: VGE – Une vie. Flammarion, 2011, S. 80.
  3. ↑ Eric Roussel: ValĂ©ry Giscard d’Estaing. Éditions de l’Observatoire, Paris 2018.
  4. ↑ a b Christine PĂŒtz: Parteienwandel in Frankreich. PrĂ€sidentschaftswahlen und Parteien zwischen Tradition und Anpassung. VS Verlag, Wiesbaden 2004, S. 148.
  5. ↑ Roland Höhne: Das Parteiensystem Frankreichs. In: Oskar Niedermayer u. a.: Die Parteiensysteme Westeuropas. VS Verlag, Wiesbaden 2006, S. 161–187, auf S. 174.
  6. ↑ Christine PĂŒtz: Parteienwandel in Frankreich. 2004, S. 148–149.
  7. ↑ Sabine Seggelke: Frankreichs StaatsprĂ€sident in der politischen Kommunikation. Öffentlichkeitsarbeit in der V. Republik. Lit Verlag, Berlin/MĂŒnster 2007, S. 213.
  8. ↑ Matthias Waechter: Helmut Schmidt und ValĂ©ry Giscard d'Estaing. Auf der Suche nach StabilitĂ€t in der Krise der 70er Jahre. Edition Temmen, 2011, S. 53.
  9. ↑ Bernhard Gotto: Von enttĂ€uschten Erwartungen: Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen“ und ValĂ©ry Giscard d'Estaings „DĂ©mocratie française“. In: Bernhard Gotto u. a.: Nach „Achtundsechzig“. Krisen und Krisenbewusstsein in Deutschland und Frankreich in den 1970er Jahren. Oldenbourg Verlag, MĂŒnchen 2013, S. 31–44, hier S. 33.
  10. ↑ Christine PĂŒtz: Parteienwandel in Frankreich. 2004, S. 149.
  11. ↑ AufwĂ€rts mit Fifi. In: Der Spiegel, Nr. 9/1970, S. 93.
  12. ↑ Klaus-Peter Schmid: An den Schalthebeln der Konjunktur – Rezepte ohne Wirkung. ( Memento vom 24. April 2018 im Internet Archive) In: Die Zeit, 16. Juni 1972.
  13. ↑ Christine PĂŒtz: Parteienwandel in Frankreich. 2004, S. 149–150.
  14. ↑ Andrew Knapp, Vincent Wright: The Government and Politics of France. 5. Auflage, Routledge, Abingdon (Oxon)/New York 2006, S. 274.
  15. ↑ Catherine Kerbrat-Orecchioni: Les dĂ©bats prĂ©sidentiels comme lieu de confrontation d’éthos – une approche interactionnelle du discours politique. In: Marta Degani u. a.: The Languages of Politics – La politique et ses langages. Band 2, Cambridge Scholars Publishing, Newcastle upon Tyne 2016, S. 9–32, hier S. 21–22.
  16. ↑ Jörg Requate: In: Frankreich Jahrbuch 2017. Sprache und Politik im Wahlkampf. Springer VS, Wiesbaden 2018, S. 41–60, hier S. 44.
  17. ↑ Yvonne Hötzel: Debatten um die Todesstrafe in der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 1990. De Gruyter, Berlin/New York 2010, S. 297.
  18. ↑ Otmar Emminger: D-Mark, Dollar, WĂ€hrungskrisen. Erinnerungen eines ehemaligen BundesbankprĂ€sidenten, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1986, ISBN 3-421-06333-8 (Anm.: Emminger war vom 1. Juli 1977 bis 31. Dezember 1979 PrĂ€sident der Deutschen Bundesbank)
  19. ↑ Yves Bizeul: Glaube und Politik. VS Verlag, Wiesbaden 2004, S. 244.
  20. ↑ Hinrich Hudde: Die Marseillaise. Mythos der Revolution. In: Winfried Engler: Die Französische Revolution. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1992, S. 135–138, auf S. 136.
  21. ↑ a b Sabine Seggelke: Frankreichs StaatsprĂ€sident in der politischen Kommunikation. Öffentlichkeitsarbeit in der V. Republik. Lit Verlag, Berlin/MĂŒnster 2007, S. 267–268.
  22. ↑ Marc Ferro: Den 8. Mai 1945 gab es in Frankreich nicht. In: Rudolf von Thadden, Steffen Kaudelka: Erinnerung und Geschichte. 60 Jahre nach dem 8. Mai 1945. Wallstein Verlag, Göttingen 2006, S. 51–59, auf S. 58.
  23. ↑ Angelika Praus: Das Ende einer Ausnahme. Frankreich und die Zeitenwende 1989/90. Tectum Verlag, Marburg 2014, S. 84.
  24. ↑ Le timbre « Marianne Â» : Une tradition rĂ©publicaine perpĂ©tuĂ©e AssemblĂ©e nationale, 14. Juli 2013.
  25. ↑ Werner Rittmeier: Frankreich auf Bedarfspost. Eine AnnĂ€herung mit vielen TĂŒcken, aber auch mit viel Gewinn. In: philatelie-digital.de, Nr. 1/2016, S. 8.
  26. ↑ Thomas Jansen, Steven Van Hecke: At Europe’s Service. The Origins and Evolution of the European People’s Party. Springer, Berlin/Heidelberg 2011, S. 65–66, 225.
  27. ↑ David Hanley: Beyond the Nation State. Parties in the Era of Integration. Palgrave Macmillan, 2008, S. 125–127.
  28. ↑ Julie Cloris: En 1995, Giscard a choisi «le Limousin» Chirac plutĂŽt que
 «l’oriental» Balladur. In: Le Parisien, 31 MĂ€rz 2017
  29. ↑ Louis Giscard d'Estaing. In: Le Point, abgerufen am 5. Dezember 2020.
  30. ↑ Ivan Valerio: VidĂ©o : la bĂ©nĂ©diction de ValĂ©ry Giscard d’Estaing Ă  l’UDI de Jean-Louis Borloo. In: Le Lab politique, Europe 1, 26. Oktober 2012.
  31. ↑ PrĂ©sidentielle 2017: ValĂ©ry Giscard d'Estaing apporte son soutien Ă  François Fillon. BFM TV, 18. November 2016.
  32. ↑ Bundesverwaltungsamt: Giscard d’Estaing zu Gast an der Deutschen Schule Paris ( Memento vom 24. Februar 2015 im Internet Archive), Deutsch-französisches Fest 2013 ( Memento vom 16. Februar 2015 im Internet Archive)
  33. ↑ Julien Absalon: ValĂ©ry Giscard d’Estaing coĂ»te 2,5 millions d'euros par an Ă  l'État. RTL.fr, 2. Februar 2016.
  34. ↑ Nach Corona-Komplikationen: Französischer Ex-PrĂ€sident d’Estaing ist tot. tagesschau.de, 3. Dezember 2020.
  35. ↑ Mort de ValĂ©ry Giscard d’Estaing : L'ancien prĂ©sident a Ă©tĂ© inhumĂ© dans la plus stricte intimitĂ© Ă  Authon. In: 20minutes.fr. 5. Dezember 2020, abgerufen am 12. Dezember 2020 (französisch).
  36. ↑ Michaela Wiegel, Charles Jaigu: ValĂ©ry Giscard d’Estaing: „In Wahrheit ist die Bedrohung heute nicht so groß wie damals“. Frankfurter Allgemeine, 23. November 2015, abgerufen am 23. Juni 2018.
  37. ↑ Soupe aux truffes – Schwarze TrĂŒffelsuppe „ValĂ©ry Giscard d’Estaing“. Deutsche Welle, 26. Mai 2005, abgerufen am 3. Dezember 2020.
  38. ↑ Pierre-Marie Dioudonnat, Le Simili-Nobiliaire français, SĂ©dopols, Paris, 2010
  39. ↑ Philippe du Puy de Clinchamps, La Noblesse, Puf, 1959, rĂ©Ă©ditĂ© en 1996
  40. ↑ Michel SementĂ©ry, Les PrĂ©sidents de la RĂ©publique française et leur famille, Ă©ditions Christian, 1982, section « ValĂ©ry Giscard d’Estaing Â»
  41. ↑ Henry Coston, Le Secret des dieux, 1968, S. 180.
  42. ↑ Rudolf Balmer: Vulkanlandschaft als Freizeitpark ( Memento vom 1. Oktober 2004 im Internet Archive)
  43. ↑ Antwort auf Anfrage an das BundesprĂ€sidialamt per E-Mail
  44. ↑ a b Verleihungen portugiesischer Orden an auslĂ€ndische StaatsbĂŒrger auf der Website des Portugiesischen StaatsprĂ€sidenten (Chancelaria das Ordens HonorĂ­ficas Portuguesas) (portugiesisch)
  45. ↑ Jean Schoos: Die Orden und Ehrenzeichen des Großherzogtums Luxemburg und des ehemaligen Herzogtums Nassau in Vergangenheit und Gegenwart. Verlag der Sankt-Paulus Druckerei AG. Luxemburg 1990. ISBN 2-87963-048-7. S. 344.
VorgÀngerAmtNachfolger
Georges Pompidou KofĂŒrst von Andorra
1974–1981
François Mitterrand