Rus Information

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Russische Fürstentümer zum Zeitpunkt der Mongoleninvasion 1237

Die Rus ( ostslawisch Роусь, auch Русь, Роусьскаѧ землѧ, griechisch Ρωσία, lateinisch Russia, Ruthenia, im früheren deutschen Sprachgebrauch auch Russland, [1] Ruthenien oder Reußen) ist ein historisches Gebiet in Osteuropa, auf dem die Ostslawen ursprünglich beheimatet waren. Der Name leitet sich vom Volk der Rus ab, welches vermutlich normannischer Abstammung war und in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends nach Christus die Flüsse dieser Region (altnordisch Gardarike) befuhr. Der Name wird heute überwiegend vom nordischen roðr für „Rudern, Rudermannschaft“ hergeleitet. [2] Der erste Staat auf diesem Gebiet war die Kiewer Rus, die nach der byzantinisch-orthodoxen Christianisierung der Rus im Jahre 988 eine Blütezeit im 11. Jahrhundert erlebte. Das von Rurikiden regierte Reich bildete die Grundlage für die Entstehung eines altrussischen Volkes mit einer gemeinsamen Sprache und Kultur. Die einsetzende feudale Zersplitterung führte dazu, dass die mongolische Invasion der Rus im 13. Jahrhundert das Land verheeren konnte und seine Teile in der Folgezeit in den Machtbereich verschiedener äußerer Akteure gelangten. Dies führte zu einer sprachlichen und kulturellen Differenzierung der Ostslawen. Im Nordosten der Rus entstand am Ende des 15. Jahrhunderts unter Moskauer Großfürst Iwan dem Großen, einem Rurikiden, ein zentralisiertes und unabhängiges Russisches Reich, das vor allem mit Großfürstentum Litauen und später mit Polen-Litauen jahrhundertelang um die westlichen Gebiete der Rus stritt.

In der modernen russischen Sprache wird das Wort Русь auch als literarisches Synonym für Russland verwendet beziehungsweise für das Gebiet, das Russland, die Ukraine ( Kleinrussland) und Weißrussland umfasst. Nach der Definition des Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus Kyrill I. ist die Rus heute die Gesamtheit aus Russland, der Ukraine und Weißrussland [3].

Herkunft und Etymologie des Stammes Rus

Gäste aus Übersee. Nicholas Roerich, 1901

Zur Herkunft der Rus existieren unterschiedliche Theorien. Eine der gängigsten ist die normannische Theorie, nach der die auch Waräger genannten Rus Völkerschaften aus dem schwedischen Raum waren, die an der Schwelle zur Wikingerzeit in den Nordwesten Russlands einwanderten, worauf Funde aus dem 7. bis 9. Jahrhundert in Lettland sowie aus dem 750 gegründeten Ladoga hindeuten. In weniger als einem Jahrhundert breiteten sie sich nach Südosten (nach den Annales Bertiniani für das Jahr 839) bis an die Grenzen des byzantinischen Reiches und (nach Abu'l Qasim Ubaid'Allah ibn Khordadbeh (820–912) für das Jahr 840) des Kalifates aus. Der Schatzfund von Staraja Ladoga enthält orientalische Münzen und skandinavische Fundstücke aus der Zeit um 750, woraus zu schließen ist, dass zu dieser Zeit Ostfahrer bereits Zugang zu orientalischem Silber hatten. Auch in Grobiņa (Lettland) wurden mehrere skandinavische Felder mit Hügelgräbern und Gräberfelder ( Flachgräber) mit Brandbestattungen aus der Vendelzeit gefunden. Neueste historische Untersuchungen gehen jedoch davon aus, dass Rus kein Ethnonym war, sondern eine generelle Bezeichnung für Verbände von Flussnomaden, die sich aus verschiedenen Ethnien und Stämmen zusammensetzten.

In der Nestorchronik spielen die Rus und die Waräger eine herausragende Rolle. Rus ist dort die Bezeichnung für ein Volk oder die Gesellschaftsschicht, die die Macht ausübte, und Rus wurde auch zum Namen ihres Gebietes, ähnlich wie die Wörter Böhmen oder Ungarn.

Als Rus zur Bezeichnung eines Herrschaftsbereiches geworden war, wurde „die Rus“ zur Bezeichnung der Bewohner dieses Bereiches – unabhängig von ihrer Stammeszugehörigkeit. So übertrug sich der Name von den Eingewanderten auf die Alteingesessenen. Um dann noch die Nordgermanen besonders bezeichnen zu können, wurden andere Begriffe benötigt: Diese wurden in Kiew nun varjazi (Söldner), in Nowgorod kolbjazi (wohl aus dem skandinavischen kylfingar [4]) genannt. Aber der Ausdruck varjazi hat sich in der Folgezeit allgemein durchgesetzt. Damit geriet aus dem Blickfeld, dass vorher Rus der Ausdruck für die Nordgermanen gewesen war. Diese Benennungen zeigen, dass die Waräger in Kiew überwiegend als Krieger, in Nowgorod überwiegend als Händler wahrgenommen wurden. In der skandinavischen Saga-Literatur wurde zunächst der Begriff Garðr (= Gehöft, später Burgstadt) verwendet. Kiew hieß Kænugarðr, Nowgorod Hólmgarðr. Damit die Konnotation „Gehöft“ vermieden wurde, wurde das Gebiet seit dem 12. Jahrhundert garðaríki genannt.

Die Zahl der einwandernden Waräger lässt sich auch nicht ansatzweise bestimmen.

Zur Herkunft des Namens Rus gibt es verschiedene Theorien:

  • Normannische Theorie (Skandinavische Theorie): Dies ist die heute von der Mehrzahl der Wissenschaftler vertretene Theorie. Der Name Rus wird von der finnischen Bezeichnung für Schweden/Nordgermanen hergeleitet, Ruotsi, oder von ihrer mutmaßlichen Heimat in Schweden, Roslagen. Das finnische „Ruotsi“ ist aus dem altgermanischen Wort für „Ruder“ entlehnt. Dagegen wird allerdings eingewandt, dass im genitivischen Anfangsglied *Rōþs der Anfangsvokal nicht vor dem 6. Jahrhundert verstummt sein könne, und das sei für die Benennung eines seit alters her benachbarten Stammes zu spät. [5]
  • Ostslawische Theorie: Rus heiße ein Stamm der Ostslawen (Teil der Polanen), der südlich vom heutigen Kiew entlang des Flusses Ros ansässig war. Der Name des Stammes kann entweder vom slawischen Wort für „rot, hell“ (rusyj) oder vom Namen des Flusses stammen. „Rus“ war in der altslawischen Sprache ein Wortstamm für Wasser und ist heute in Worten wie Русло (Flussbett), Роса (Morgentau) sowie im Verb орошать (bewässern) erhalten. Rus könnte demnach nicht zwangsläufig ein Stammesname sein, sondern die Bezeichnung für jegliche Menschen, die die Flüsse befuhren. Ein Stamm von Rossomonen (Ros-Mannen) wurde schon im 6. Jahrhundert bekannt (Jordan), lange vor der Ankunft der Waräger. Diese Theorie erfreute sich in der Sowjetunion großer Beliebtheit, wird aber außerhalb der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) kaum vertreten.
  • Alanische Theorie (Iranische Theorie): Laut einigen deutschen, russischen und britischen Sprachwissenschaftlern und Historikern könnte die Bezeichnung Rus auf einen alanischen Teilstamm der Ruchs-as oder auf die sarmatischen Roxolanen zurückgehen. In beiden Stammesnamen steckt, wie auch in den iranischen und russischen Vornamen Rustam und Ruslan, altnordiranisch Raochschna = „weiß, Licht“; Rus als Volksname würde demnach „die Hellen, Strahlenden“ bedeuten. Die Anwesenheit von nicht-assimilierten Alanen in den Siedlungen und Städten der frühen Kiewer Rus ist archäologisch belegt. Allerdings wird diese Theorie von den meisten Wissenschaftlern zurückgewiesen. Die alanische Theorie ist vor allem deshalb unwahrscheinlich, weil Alanen eher im Süden der Rus lebten, zudem in nur sehr geringer Zahl. Zudem waren die Alanen in der frühen Rus nicht so gut organisiert wie die skandinavischen Raubhändler.
  • Westslawische Theorie: Eine von nur sehr wenigen Historikern vertretene Theorie ist die folgende: Der Name wird vom westslawischen Stamm der Ranen (Rujanen) hergeleitet, die am Ostseehandel sowie an den Expeditionen der Waräger intensiv teilgenommen haben. Der Name des russischen Dynastiegründers Rurik wird aus dem westslawischen Rarog abgeleitet.

Durch die Größe der Rus und ihre politisch-räumliche Segmentierung entstanden mit der Zeit spezifizierende Begriffe, zum Beispiel Weiße Rus (Weißrussland), Schwarze Rus, Rote Rus, Nowgoroder Rus, Wladimir-Susdaler Rus, Moskauer Rus, Große Rus (Großrussland), Kleine Rus (Kleinrussland) etc.

Schriftliche und archäologische Zeugnisse der mittelalterlichen Rus

Schriftliche Quellen

Die bedeutendste Quellen über Rus und die Waräger sind die Nestorchronik in all ihren Varianten und Überlieferungssträngen sowie die mit ihr verwandten, aber teilweise abweichenden Chroniken aus dem 12. und den folgenden Jahrhunderten. Danach sind die griechischen und arabischen Quellen zu nennen, des Weiteren der Reisebericht des Norwegers Ottar über seine Fahrt um das Nordkap zum Eismeer, wahrscheinlich bis Archangelsk. Aus dem 10. Jahrhundert gibt es in den Sagas verstreute Berichte über Unternehmungen nach Rus (Garðaríki). Auch existieren in Schweden einzelne Runensteine mit Namen von Warägern und einigen Unternehmungen in Rus. In Pilgårds wurde ein Runenstein gefunden, der von einer Fahrt eines Warägers um das Jahr 1000 an den Dnjepr berichtet.

Archäologie

Mit Kulturzeugnissen der Rus ist erst Ende des 10. bis 11. Jahrhunderts zu rechnen. Ältere Zeugnisse sind nur in Verbindung mit den Wasserstraßen am Dnepr zu finden. Eine skandinavische Besiedlung im 8. Jahrhundert ist für Staraja Ladoga belegt. Aus dem 10. Jahrhundert gibt es skandinavische/nordgermanische Bestattungsplätze im oberen und mittleren Dnepr-Gebiet und auch an der Wolga. Auffallend ist die Häufung religiöser Gegenstände, zum Beispiel Thorshammerringe. Enge Beziehungen nach Skandinavien sind noch bis ins 11. Jahrhundert festzustellen. [6] Auf der anderen Seite hat die nomadische Bevölkerung auch die Kultur der Rus beeinflusst, was in der Bewaffnung zum Ausdruck kommt. Es sind neben dem Schwert auch der Säbel, der Kettenpanzer und Bogen (oft Reflexbogen) nachweisbar. Bevorzugt wurden Pfeilspitzen mit Dorn.

Einen Wendepunkt bedeutete die Taufe Wladimirs im Jahre 988. In Kiew entstand eine Monumentalarchitektur. Aber im Gegensatz zur westlichen Romanik wurden die Bauten nicht aus Stein, sondern in Ziegeln ausgeführt. Im ostslawischen Siedlungsgebiet fällt die Vielzahl der Devotionalien auf, zum Beispiel Reliquiarkreuze, Kreuzanhänger und steinerne Ikonenanhänger. Früher hielt man sie für byzantinische Erzeugnisse, heute werden sie als lokale Erzeugnisse gewertet. Üblich war die Körperbestattung. Trotz Christianisierung verschwanden im Osten die bei den Westslawen nicht mehr gebräuchlichen Grabhügel nicht ganz. Im dörflichen Umfeld sind Grabhügel noch bis ins 12., stellenweise sogar bis ins 13. Jahrhundert verwendet worden, oft mit relativ reichen Grabbeigaben.

Eine Birkenrindeurkunde aus Nowgorod

Charakteristisch für die Rus ist die Birkenrinde als Schreibmaterial. Es sind ungefähr 1000 Birkenrindenurkunden aus der Zeit zwischen der ersten Hälfte des 11. bis zum 15. Jahrhundert, besonders aus Nowgorod und Smolensk, gefunden worden.

Auffallend ist, dass kaum eigene Münzen geprägt wurden. Es sind lediglich 340 Münzen der Rus bekannt. Sie stammen von Wladimir I. und Swjatoslav aus dem südlichen Reichsteil und von Jaroslav aus dem nördlichen Reichsteil, auch aus Skandinavien.

Die Beziehungen zu Byzanz führten in der Metallverarbeitung der städtischen Zentren zu einem einzigartigen Qualitäts-Niveau. Die Tracht fürstlicher Frauen wies Schmuckstücke mit Zellenemail, Granulation, Filigran und Niello auf. Verbreitet waren außerdem Silber-Armreife, die mit geometrischen oder Pflanzenmotiven vergoldet wurden. Ebenso sind Glasarmringe aus dem 12. und 13. Jahrhundert überliefert. Viele Bestandteile der Trachten waren aus Bronze, zum Beispiel Gürtelschnallen.

Zu den byzantinischen Importwaren sind die Weinamphoren zu rechnen. Byzantinischer Einfluss macht sich auch an glasierter Keramik bemerkbar.

Aus Mitteleuropa wurden Reliquien importiert und andere Erzeugnisse exportiert, wie die Kiewer Ostereier oder Spinnwirtel aus Ovrutscher Schiefer, die von Schweden bis Mähren verbreitet sind.

Bedeutung der Rus im Hochmittelalter

Die Wikingerzeit wird im Westen nach Ereignissen wie der Plünderung von Lindisfarne und der Schlacht von Stamford Bridge auf die Spanne zwischen 793 und 1066 angesetzt. Im Osten gibt es eine vergleichbare Einteilung nicht. Die früheste Nachricht stammt aus 839. Dort werden Svear unter ihrem Anführer Rhos erwähnt, die, aus Byzanz heimkehrend, den Rhein abwärts fahrend in Ingelheim landen.

Die Unternehmungen der Rus wichen nach klassischer Vorstellung charakteristisch von den im Westen operierenden Wikingern ab, wie sich auch die geografischen Verhältnisse ihres Wirkungsraumes stark unterschieden (Küsten im Westen, mit Flüssen durchzogenes Binnenland im Osten). Im Westen ging die Fahrt vor allem über das Meer, im Osten entlang der Flüsse. Im Westen kamen die Wikinger bald an die Grenzen des Frankenreiches, während sie im Osten auf viele kleine Herrschaftsbereiche und Stämme stießen. Auch die Motive der Fahrten waren andere. Während im Westen die Beherrschung von Gebieten im Vordergrund stand, waren es im Osten, den Darstellungen der Nestorchronik folgend, vor allem der Handel und die Sicherung weiterer wichtiger Handelsrouten.

In der russischen Forschung hat man demgegenüber, ohne die Bedeutung des Handels zu bestreiten, die kriegerische Rolle im Gefolge der lokalen Fürsten stärker hervorgehoben, was ebenfalls in der Nestorchronik erwähnt ist.

Fürst Igor treibt Tribut bei den Drewlanen ein. Bild von Klawdi Lebedew, 1908
Die Rus an den Mauern von Konstantinopel

Die Waräger wollten offenbar aus diesem Gebiet abschöpfen, was für den Fernhandel tauglich war. Haupthandelswaren waren Pelze, Honig und Wachs, die auf die griechischen und orientalischen Märkte geliefert wurden. Dabei kamen ihnen die Erfahrungen im Bootsbau für den Transport auf den Flüssen und im Fernhandel zugute. Zu Beginn beschaffte man sich die Waren durch Tribute (jeder Haushalt musste jährlich ein Eichhörnchenfell abliefern), [7] später sahen die Einheimischen den Nutzen der Warenlieferung gegen Bezahlung an die großen Sammelstellen, zum Beispiel Kiew. Waräger Kriegergarden blieben aber aktiv, um für den Zusammenhalt des Reiches zu sorgen. [8] Diese Waräger griffen 860, 912, 941, 944, 970 und 988 mit ihren Schiffen Konstantinopel an. Weitere Angriffsziele waren Städte am Kaspischen Meer, das Reich der Wolgabulgaren, das Chasarenreich und der Balkan.

Peter Sawyer hat sich mehr auf die gefundenen orientalischen Silbermünzen bezogen und den Aspekt der Plünderung hervorgehoben. [9] Sein Hauptargument ist, dass Skandinavien zur damaligen Zeit gar nicht genügend Waren, die auf dem orientalischen Markt gefragt waren, habe liefern können, außer denen aus der näheren Umgebung. So schnell, wie die Münzen nach ihrer Prägung in den Norden gekommen seien, liege die Plünderung oder eine Tributleistung näher. Diese Auffassung ist aber auf Kritik gestoßen. [10]

Der durch die verbesserte Infrastruktur bedingte wirtschaftliche Aufschwung lockte die Petschenegen an, einen Reiternomadenstamm, deren Gebiet im Süden und Südosten des Reiches nur einen Tagesritt von Kiew entfernt war. Als Reaktion darauf wurden auf den Hochufern der Zuflüsse des Dnjepr Burgenketten errichtet, die außerdem dauernd bemannt und mit Nachschub versorgt werden mussten, wozu Geld und Kämpfer aus dem ganzen Reich nötig waren. Aufgrund dieser Unterstützung durch die Reichsteile im Westen und Norden bezeichnete man die südlichen und südöstlichen Reichsteile, in die die Abgaben großteils flossen, bald als Rus im engeren Sinne. Schon für das Jahr 912 ist bezeugt, dass die Städte in den bedrohten Gebieten den höchsten Rang im Reich innehatten, [11] und so gewannen auch die einheimischen Stämme bald das gesellschaftliche Übergewicht gegenüber den auf Schiffen operierenden skandinavischen Handelsleuten, worauf heute die rasche Slawisierung der Skandinavier in Rus zurückgeführt wird.

Es besteht die Besonderheit, dass zwar aus den Quellen und archäologisch eine Einwanderung aus Schweden belegt ist, sich aber im Unterschied zu skandinavischen Einwanderungen im Nordseegebiet so gut wie keine Orts-, Flur oder Flussnamen aus dem Skandinavischen finden lassen [12] (wobei zu berücksichtigen ist, dass die Ortsnamensforschung dort noch am Anfang steht). Sie wird auf eine gewisse zumindest anfängliche Abschottung der Ethnien in verschiedenen Quartieren der Siedlungen mit geringen wechselseitigen Kontakten zurückgeführt. [13] Auch blieb eine kulturelle oder technische Übernahme aus. Der Schiffbau blieb Domäne der Waräger. Nach ihrer Slawisierung geriet die Technik in Vergessenheit.

Rus als Herrschaftsgebiet und ethnokultureller Raum

Nach den Quellen (siehe Nestorchronik) wurde das Reich der nördlichen Rus südlich und südöstlich des finnischen Meerbusens früh mit der südlichen Rus um den mittleren Dnepr vereinigt. Hauptort wurde Kiew, wo die Schifffahrtswege aus dem Dnepr-Gebiet zusammenlaufen und von wo aus sich der extrem wichtige Handelsweg von den Warägern zu den Griechen am besten kontrollieren ließ. Das Herrschaftsgebiet der Rus erstreckte sich mit der Zeit auf das Territorium der heutigen Staaten Ukraine, Weißrussland und des europäischen Russlands, wobei den Hauptteil der Bevölkerung slawische Stämme ausmachten.

Der Nutzen des Fernhandels wurde, je mehr davon zur Verteidigung gegen die Steppenvölker abgegeben werden musste, für die Bevölkerung immer geringer, so dass sich in der Zeit nach den Warägern im Norden und Nordosten Tendenzen bemerkbar machten, sich wieder von Kiew abzukoppeln. Die Einnahme aus dem Fernhandel wurde durch die feudale Abschöpfung landwirtschaftlicher Erträge abgelöst. In Nowgorod blieb der Fernhandel zwar intakt, orientierte sich aber auf die von den pelztierreichen Hinterländern im Norden nach Mitteleuropa führende Ostseeroute um. Als schließlich die Warägergarde am Hof Wladimirs I. zu Kaiser Basileios II. nach Byzanz verlegt wurde, lockerte sich auch die Verbindung nach Schweden weiter. Während noch Jaroslaw der Weise mit einer Schwedin namens Ingigerd verheiratet war, spielte Schweden in den dynastischen Verbindungen des 11. Jahrhunderts gegenüber denen zu Westeuropa nur noch eine nachgeordnete Rolle.

Uspenski-Kathedrale von Wladimir (1159–1189), das Hauptgotteshaus der nordöstlichen Rus bis zum 15. Jhdt

Im 12. Jahrhundert kam der Prozess der feudalen Zersplitterung in vollen Gang, die Rolle Kiews sank herab und es bildeten sich neue Machtzentren in der Rus. Nach der mongolischen Invasion der Rus 1237–1240 wurde in den meisten russischen Fürstentümern die Herrschaft der Goldenen Horde etabliert. Russische Fürsten mussten fortan Tribut zahlen und den Großfürsten vom Khan bestimmen lassen. Im Nordosten dauerte die Herrschaft der Goldenen Horde und ihrer Nachfolgerstaaten bis 1480. Bis zu diesem Zeitpunkt haben die Moskauer Rurikiden-Fürsten den Führung beim „Sammeln der russischen Erde“ übernommen.

Rivalität zwischen Moskau und Polen-Litauen um die westliche Rus

Die Gebiete der westlichen Rus sind im 14. und 15. Jahrhundert unter die Herrschaft des Großfürstentums Litauen und des Königreichs Polen gelangt. Diese beiden Staaten, die seit der Union von Krewo 1385 in Personalunion miteinander standen, lehnten die Moskauer Politik der Wiedervereinigung der Rus ab und erstrebten eine Vereinigung unter ihrer eigenen Herrschaft. Bei den zahlreichen Russisch-Litauischen und später Russisch-Polnischen Kriegen, die sich zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert abspielten, ging es um die Kontrolle der westlichen Rus ( russisch Западная Русь). Nach der Union von Brest 1596, bei der die Obrigkeit Polen-Litauens darauf setzte, die russisch-orthodoxe slawische Bevölkerung ihres Reiches dem Papst zu unterstellen, haben orthodoxe Geistliche in Kiew, Galizien und anderen Gebieten in ihrer Polemik gegen diese Entwicklung verstärkt für eine Wiedervereinigung mit dem orthodoxen Zarenreich Russland geworben. Diese politischen Entwicklungen sowie die verstärkte Aufarbeitung der gemeinsamen Vergangenheit aus der Zeit der Kiewer Rus haben zur Entwicklung der kleinrussischen Identität geführt und den Boden für den Chmelnyzkyj-Aufstand sowie für den Vertrag von Perejaslaw 1654 bereitet, bei dem sich das Hetmanat der Saporoger Kosaken (Vorläufer der modernen Ukraine) unter die Herrschaft des Zaren stellte. Die Kiewer Synopsis, ein Buch des Archimandriten des Kiewer Höhlenklosters Innozenz Giesel, gilt als das Postulat des dreieinigen russischen Volkes, der offiziellen Konzeption im späteren Russischen Kaiserreich.

In den bei Polen-Litauen verblieben Gebieten der Rus (Weißrussland, Rechtsufrige Ukraine, Wolhynien, Galizien etc.) wurde der religiöse Druck auf die Orthodoxen verstärkt, unter anderem wurde die ruthenische Sprache verboten. Bei den Polnischen Teilungen am Ende des 18. Jahrhunderts argumentierte Katharina die Große damit, dass sie kein unmittelbar polnisches Land nimmt, sondern lediglich Vertreter des eigenen Volkes und Glaubens befreit und zurückholt. Dieser Vorgang wurde in Russland als die Fortsetzung des jahrhundertealten „Sammelns der russischen Erde“ verstanden. Im Ersten Weltkrieg sah die russische Presse bei der kurzzeitigen Eroberung Galiziens, in dem es eine starke russophile Bewegung gab, den Abschluss dieses 600-jährigen Prozesses.

Rezeption

In der ersten Strophe der sowjetischen Hymne von 1943 und auch in der Variante von 1977 wird die Rus explizit erwähnt:

Союз нерушимый республик свободных
Сплотила навеки Великая Русь.
Да здравствует, созданный волей народов,
Единый, могучий Советский Союз!

Die unzerbrechliche Union der freien Republiken
vereinigte für die Ewigkeit die große Rus.
Es lebe, geschaffen durch den Willen der Völker
die einige, mächtige Sowjetunion!

Siehe auch

Literatur

  • Ingmar Jansson: Skandinavien, Baltikum och Rus’ under vikingatiden. In: Det 22. nordiske historikermøte. Rapport I: Norden og Baltikum. Oslo 1994.
  • Heinrich Kunstmann: Die Slaven. ISBN 3-515-06816-3 (Anm.: Iranische Theorie).
  • E. A. Melnikowa und Vladimir Jakovlevič Petrukhin: The origin and evolution of the name „Rus“. The Scandinavians in Eastern-European ethno-political processes before the 11th century. Thor 23 1991. [Tor: meddelanden från Institutionen för Nordisk Fornkunskap vid Uppsala Universitet / Institutionen för Arkeologi, Saerskilt Nordeuropeisk, Uppsala Universitet; Statens Humanistika Forskningsrad. – Uppsala [unter anderem]: Almqvist & Wiksell 1.1948–1930.1998/99(2000); damit Ersch. eingest.]
  • Thomas Schaub Noonan: Dirham exports to the Baltic in the Viking Age. In: Sigtuna Papers. Proceedings of the Sigtuna symposium on Viking Age coinage 1989 Stockholm.
  • Peter Sawyer: Kings and Vikings. London 1982.
  • Peter Sawyer: Coins and commerce. In: Sigtuna Papers. Proceedings of the Sigtuna symposium on Viking Age coinage 1989 Stockholm.
  • Gottfried Schramm: Altrusslands Anfang. Freiburg 2002, ISBN 3-7930-9268-2.
  • Gottfried Schramm, Marcin Woloszyn: Rus und Russland. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 25, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 3-11-017733-1, S. 609–619.
  • Rudolf Simek: Die Wikinger. Beck'sche Verlagsbuchhandlung. München. 1998, ISBN 3-406-41881-3.
  • Alexander Sitzmann: Nordgermanisch-ostslavische Sprachkontakte in der Kiever Rus' bis zum Tode Jaroslavs des Weisen. Wien: Edition Praesens 2003 (= WSS 6). ISBN 3-7069-0165-X.
  • Håkon Stang: The Naming of Russia. Meddelelser, Nr. 77. University of Oslo Slavisk-baltisk Avelding, Oslo 1996.

Einzelnachweise

  1. Erich Donnert. Das Kiewer Russland: Kultur und Geistesleben vom 9. bis zum beginnenden 13. Jahrhundert. Urania-Verlag, 1983.
  2. Melnikowa/Petrukhin S. 207 ff.
  3. Митрополит Кирилл на концерте в Киеве призвал к духовному единству, RIA Nowosti, 27. Juli 2008
  4. byzantinisch Κούλπιγγοι, wird überwiegend zu kolfr (Botenstock) gestellt und bedeutet „Mitglied einer Kaufmannsgilde“. Jan de Vries: Altnordisches Etymologisches Wörterbuch. Leiden 1977, S. 340 und Alexander Jóhannesson: Isländisches Etymologisches Wörterbuch. Bern 1956, S. 368 f.
  5. Schramm (2003) S. 609.
  6. Woloszyn S. 617.
  7. Schramm (2003) S. 610.
  8. Dies beschreibt Kaiser Konstantinos Porphyrogenetos in Kap. 9 seines Buches De Administrando Imperio, einer Schlüsselquelle für das Funktionieren des Rus-Reiches. Schramm (2003) S. 611.
  9. Sawyer (1982) S. 124 ff. und (1990)
  10. Noonan (1990).
  11. Schramm (2003) S. 612.
  12. Schramm (2003) S. 615.
  13. Jansson S. 18 ff.