L’HumanitĂ© Information

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Schriftzug der Zeitung

L’HumanitĂ© (deutsch: ‚Die Menschheit‘, auch: ‚Die Menschlichkeit‘) ist eine französische Tageszeitung und ehemaliges Zentralorgan der sozialistischen SFIO (ab 1911) und des PCF (ab 1923).

Geschichte

1904–1914

Das von Jean JaurĂšs als Instrument der Sammlung der zersplitterten Linken konzipierte Zeitungsorgan genoss zur Zeit seiner GrĂŒndung auch die UnterstĂŒtzung von Teilen des BĂŒrgertums. [1]

Prominente Mitarbeiter zur Zeit der GrĂŒndung waren RenĂ© Viviani, Aristide Briand, LĂ©on Blum, Jean Longuet, Lucien Herr, Jean Allemane, Octave Mirbeau, Henry de Jouvenel, Abel Hermant und Albert Thomas.

Die 1905 erfolgte Vereinigung der französischen Sozialisten zur SFIO gab dem Blatt Auftrieb. 1911 wurde es zum offiziellen Parteiorgan. In der zunehmend gespannten AtmosphÀre vor Beginn des Ersten Weltkriegs vertrat das Blatt entschieden internationalistische und pazifistische Positionen. Dies hatte zur Folge, dass JaurÚs am 31. Juli 1914 von dem militanten Nationalisten Raoul Villain ermordet wurde.

1914–1920

Der Nachfolger von JaurĂšs, Pierre Renaudel, unterstĂŒtzte im Sinn eines republikanischen Patriotismus voll die Kriegsanstrengungen der Entente. Im Oktober 1918 wurde er durch Marcel Cachin ersetzt.

1920–1939

Im Zuge der Spaltung der SFIO beim Kongress von Tours (25. bis 30. Dezember 1920) fiel das Zentralorgan der Partei der prosowjetischen Mehrheit zu und wurde 1923 zum offiziellen Zentralorgan des PCF. Die Blattlinie wandte sich gegen den Rifkrieg; als Chefredakteur fungierte ab 1926 Paul Vaillant-Couturier. WĂ€hrend der Periode des Front populaire erreichte L’HumanitĂ© Auflagenzahlen um die 300.000. Teil der Mobilisation der Leser als Arbeiter-Korrespondenten und Mitwirkende beim Vertrieb war auch das 1930 geschaffene Pressefest der Parteizeitung, die FĂȘte de l’HumanitĂ©. Die Stalinisierung der Partei und ihres Zentralorgans fĂŒhrte allerdings zum Abgang antistalinistischer Mitarbeiter wie Boris Souvarine. Am 27. August 1939 verbot die Regierung Daladier IV das Blatt, [2] nachdem es den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt gutgeheißen hatte.

1939–1945

Die Zeitung blieb wĂ€hrend der ganzen Kriegsperiode verboten, trotz wiederholter VorstĂ¶ĂŸe bei den deutschen Okkupationsbehörden ab Sommer 1940. [3] 383 Nummern erschienen geheim und spielten nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion eine wichtige Rolle beim Aufbau der RĂ©sistance. [4] Zahlreiche Mitarbeiter wurden ermordet, zum Beispiel Gabriel PĂ©ri und Lucien Sampaix. Ab dem 21. August 1944 erschien die Zeitung wieder offiziell.

1945–1994

Im Kalten Krieg bezog L’HumanitĂ© Position zugunsten der Sowjetunion, nicht zuletzt auch angesichts des Ungarischen Volksaufstands im Jahr 1956. Am 7. November 1956 wurde daraufhin das BĂŒrohaus der Zeitung von antikommunistischen Demonstranten angegriffen. [5] Angesichts einer eher desinteressiert agierenden Polizei verteidigten sich die Belagerten mit Barrikaden und Wurfgeschossen. Drei Demonstranten fanden dabei den Tod. Das Blatt verglich diese Belagerung mit den Aktionen der „Konterrevolution“ in Ungarn. [6]

L’HumanitĂ© war andererseits die einzige französische Zeitung mit konsequent antikolonialistischer Ausrichtung, was sowohl wĂ€hrend des Indochinakrieges als auch wĂ€hrend des Algerienkriegs hĂ€ufig zu Beschlagnahmungen einzelner Nummern fĂŒhrte. Madeleine Riffauds Algerienartikel motivierten sogar die OAS zu einem Attentatsversuch.

Die Auflage der Zeitung fiel von 400.000 Exemplaren 1945 auf 150.000 im Jahr 1972 und 107.000 im Jahr 1986.

Seit 1994

1994 bis 1999 firmierte die Zeitung nicht mehr als „Zentralorgan“ der KPF, sondern nur mehr als „journal du PCF“. 1999 fiel der explizite Hinweis auf die Partei, die allerdings bis heute bestimmende Kraft blieb. 2000–2001 kam es zur Verbreiterung der schmalen Kapitalbasis des Blattes. Nach einer schweren Finanzkrise konsolidierte sich das Blatt dank der Zufuhr von Fremdkapital. Seit 2004 gehört die Zeitung zu 40 Prozent der PCF, Freunde und Mitarbeiter halten je zehn Prozent, die Gesellschaft der Freunde 20 Prozent und Großunternehmen wie Sparkassen, der Sender TF1 und der RĂŒstungskonzern LagardĂšre den Rest. Mit 46.000 Exemplaren erreichte die Auflage 2002 einen Tiefpunkt, dem allerdings eine bescheidene Stabilisierung folgte.

Um seine Schulden von geschĂ€tzt acht Millionen Euro abzubauen, zog das Blatt 2008 aus dem 1989 errichteten prestigetrĂ€chtigen Bau von Oscar Niemeyer aus. [7] Aber der Verkauf des Niemeyer-GebĂ€udes scheiterte im Sommer 2008, was eine neue Finanzkrise auslöste, die durch SolidaritĂ€tsappelle mĂŒhsam gemeistert wird.

Das Blatt unterhÀlt keine Auslandskorrespondenten mehr und hat nur noch 58 Redakteure.

Literatur

Weblinks

  Commons: L’HumanitĂ© â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • humanite.fr – Webseite (französisch)
  • 1904 bis 1944 L’HumanitĂ© verfĂŒgbar in Gallica, der digitalen Bibliothek der BnF.
  • 1939 bis 1944 L’HumanitĂ© clandestine (zone Nord) verfĂŒgbar in Gallica.
  • Alexandre Courban: « l’HumanitĂ© Â» (avril 1904 – aoĂ»t 1939): histoire sociale, politique et culturelle d’un journal du mouvement ouvrier français, Dissertation, UniversitĂ© de Bourgogne, Dijon

Einzelnachweise

  1. ↑ Zur Finanzierung des Blattes siehe Pierre Albert: Les sociĂ©tĂ©s du journal l’HumanitĂ© de 1904 Ă  1920. In: Christian Delporte, Claude Pennetier, Jean-François Sirinelli, Serge Wolikow (Hg.): L’HumanitĂ© de JaurĂšs Ă  nos jours. Nouveau Monde Ă©ditions, 2004, S. 129–42 mit den AktionĂ€rslisten von 1904 und 1907. JaurĂšs hatte sich in der Dreyfus-AffĂ€re 1903 mit einer großen Rede zu Gunsten des zu Unrecht verurteilten Hauptmanns profiliert.
  2. ↑ siehe auch Alexandre Courban (2014): L'HumanitĂ©: de Jean JaurĂšs Ă  Marcel Cachin (1904-1939), Kapitel 4.2.3 ('Vers la guerre'), ISBN 978-2708242784.
  3. ↑ Roger Bourderon: La NĂ©gociation. ÉtĂ© 1940, Syllepse, Paris 2001.
  4. ↑ François Marcot: Dictionnaire historique de la RĂ©sistance, Bouquins, S. 729, 2006.
  5. ↑ Jean-Pierre Arthur Bernard: Paris rouge, 1944–1964. Les communistes français dans la capitale. Ă©ditions Champ Vallon, 1991, S. 27.
  6. ↑ Jean-Pierre A. Bernard: « Novembre 1956 Ă  Paris Â». In: VingtiĂšme SiĂšcle. Revue d’histoire, n° 30, avril–juin 1991, S. 68–81.
  7. ↑ 15 millions d’euros : le prix de vente du siĂšge de L’HumanitĂ© Ă  Saint-Denis. In: LibĂ©ration, 30. November 2007.