Überfischung Information

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Etwa 360.000 kg Fisch enthÀlt allein dieser Fang mit einem Ringwadennetz

Mit Überfischung bezeichnet man die ĂŒbermĂ€ĂŸige Dezimierung des Fischbestandes in einem GewĂ€sser durch Fischfang. Überfischung liegt vor, wenn in einem GewĂ€sser dauerhaft mehr Fische gefangen werden als durch natĂŒrliche Vermehrung nachwachsen oder zuwandern. Überfischung ist eine Art der Übernutzung natĂŒrlicher Ressourcen.

Die Fangquoten der gemeinsamen Fischereipolitik der EuropĂ€ischen Union formulieren die Überfischung als politisches Ziel. Paradoxerweise wird diese Überfischung von Fischern nicht etwa kritisiert, sondern es wird eine stĂ€rkere Überfischung gefordert. Die Überfischung gilt daher als typisches Beispiel fĂŒr ein soziales Dilemma im Sinne der Tragik der Allmende.

Merkmale der Überfischung

Fabrikschiffe wie die Wiesbaden sind fĂŒr die Verarbeitung von GroßfĂ€ngen ausgerĂŒstet (Kai in Cuxhaven, 2010)

Überfischung ist die Hauptursache fĂŒr den massiven RĂŒckgang der BestĂ€nde der Arten in den Meeres- und KĂŒstenökosystemen. Einige Fischarten sind ausgestorben, bei etlichen weiteren ist es zu befĂŒrchten.

ZusĂ€tzlich zur Überfischung schĂ€digen weitere menschliche Eingriffe wie Mikroplastik, Schadstoffeintrag (auch durch Aufnahme von Kohlenstoffdioxid (CO2) aus der ErdatmosphĂ€re), ÜberdĂŒngung, Abbau von BodenschĂ€tzen und anthropogene Globale ErwĂ€rmung die marinen Ökosysteme. Vor der menschlichen Einflussnahme gab es von den betroffenen Fischarten sehr viel mehr Exemplare als heute.

PalĂ€oökologische, archĂ€ologische und historische Daten zeigen, dass es vom Beginn der Überfischung bis zu den zwangslĂ€ufig folgenden dramatischen Änderungen in den ökologischen Lebensgemeinschaften eine zeitliche Verzögerung von Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten gibt. Dies erklĂ€rt sich daraus, dass nicht befischte Spezies derselben trophischen Ebene (Stellung in der Nahrungskette) die ökologische Nische der ĂŒberfischten Spezies einnehmen – solange, bis sie ihrerseits ĂŒberfischt oder an epidemischen Krankheiten als Folge ihrer Überbevölkerung (verursacht durch das Wegfallen der konkurrierenden Spezies) dezimiert sind.

Überfischung kann auch Konflikte zwischen Industrie- und EntwicklungslĂ€ndern verursachen. So nannte der Kenianer Andrew Mwangura, dessen Seafarers Assistance-Programme um das Jahr 2008 in 90 Prozent aller Kaperungen zwischen somalischen Piraten und Reedern vermittelte, illegales Fischen als Wurzel der Piraterie. [1]

Ausmaß

Laut dem Zweijahres-Bericht (The state of World Fisheries and Aquaculture 2006) der ErnĂ€hrungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zum Fischfang sind 52 % der Meeresfisch-BestĂ€nde so intensiv befischt, dass eine Steigerung nicht mehr möglich ist. Von allen beobachteten BestĂ€nden befinde sich ein Viertel in einem bedenklichen Zustand. Dieser Teil sei entweder ĂŒbernutzt (92 ± 1 %), stark zurĂŒckgegangen (7 %) oder erhole sich langsam (1 %). Betroffen sind vor allem Arten, die zwischen nationalen HoheitsgewĂ€ssern wandern oder außerhalb dieser Zonen gefischt werden. Dazu zĂ€hlen mehr als die HĂ€lfte der wandernden Hai-Arten und zwei Drittel der wandernden HochseebestĂ€nde, wie Kabeljau, Heilbutt, Blauflossen-Thunfisch, Granatbarsch oder Riesenhai. Die Zahl der nur moderat ausgebeuteten FischbestĂ€nde ist seit den 1970er Jahren bis 2006 von 40 % auf 23 % gesunken. Überfischte Meere sind der Studie zufolge vor allem der SĂŒdost- Atlantik, der SĂŒdost- Pazifik, der Nordost-Atlantik (und damit die Nordsee) sowie die LebensrĂ€ume der Hochsee-Thunfischarten im Atlantik und im Indischen Ozean. In diesen Gebieten betrage der Anteil der ĂŒberfischten BestĂ€nde bereits 46–66 %. [3]

Der Bestand des Atlantischen Herings hat sich 2017 in der Nordsee wieder leicht erholt; der Bestand der Scholle ebenda erholte sich stark. [4]

Laut Greenpeace Schweiz (BroschĂŒre "Stoppen wir die PlĂŒnderung der Meere", August 2009) hat sich die totale Fangmenge seit 1950 verfĂŒnffacht, und dies ohne die illegalen Fang-AktivitĂ€ten. Der Restbestand an Blauwalen betrage nur noch 1,7 %, derjenige an Thunfisch 10 %. Man mĂŒsse deshalb, so Greenpeace, 40 Prozent der Meere unter Schutz stellen und vor allem den bisherigen Fischbestand halten.

In der EU-Fischereipolitik werden Quoten festgelegt, welche die wissenschaftlichen Empfehlungen des International Council for the Exploration of the Sea (ICES) jedes Jahr durchschnittlich um 48 % ĂŒberschreiten. Aus diesem Grund sind inzwischen 88 % der FischbestĂ€nde in den EU-GewĂ€ssern ĂŒberfischt, wĂ€hrend es in den 1970er Jahren lediglich 10 % waren. [5]

Maßnahmen gegen Überfischung

In vielen traditionellen Gesellschaften wurde die Überfischung durch Allmende- oder Tabu-Regeln vermieden, weshalb die ErtrĂ€ge höher lagen als heute. [6] GegenwĂ€rtig werden weltweit keine wirksamen Maßnahmen gegen die Überfischung angewandt; supranationale Fischereiabkommen, selektiver Fischfang, die Einrichtung von Meeresschutzgebieten und Fischerei-Schutzzonen, mit denen der freie und ungehinderte Fischfang zeitlich begrenzt bzw. dauerhaft eingeschrĂ€nkt oder durch Fangquoten festgeschrieben werden, genĂŒgen allesamt nicht den wissenschaftlichen Empfehlungen. Auch die Festlegung von Mindestmaßen von Maschenbreiten der Netze hat die Überfischung nur verlangsamen, nicht aber abbauen können.

Verbraucherinformationen

Der Fang von Menhaden dient aus­schließ­lich der Pro­duk­tion von „or­ga­ni­schem DĂŒnger“ und Tiermehl

Ratgeber von Umweltschutzorganisationen wie beispielsweise von Greenpeace [7] oder dem WWF [8] und Umweltzeichen auf Produkten, wie beispielsweise das des MSC (Marine Stewardship Council), das Label Friend of the Sea (FOS), das Label fair-fish fĂŒr tierschonende, nachhaltig und fair bezahlte Fischerei oder das vom US-amerikanischen Earth Island Institute ins Leben gerufene Programm SAFE fĂŒr delfinsicher gefangenen Thunfisch, versuchen Verbraucher auf das Problem aufmerksam zu machen. [9] [10]

Siehe auch

Literatur

  • Charles Clover: The End of the Line. How overfishing is changing the world and what we eat. Ebury Press, London 2004, ISBN 0-09-189780-7.
  • Charles Clover: Fisch kaputt. Vom Leerfischen der Meere und den Konsequenzen fĂŒr die ganze Welt. Riemann Verlag, MĂŒnchen 2005, ISBN 3-570-50056-X.
  • Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO): The state of World Fisheries and Aquaculture 2006. Rome 2007 (PDF, 4 MB).
  • Jeremy B. C. Jackson et al.: Historical Overfishing and the Recent Collapse of Coastal Ecosystems. In: Science. Vol. 293, Nr. 5530, 27. Juli 2001, S. 629–637, ( Review).
  • Antje Kahlheber: Die Erschöpfung der Weltmeere. In: Spektrum der Wissenschaft. November 2004, ISSN  0170-2971, S. 60–68.
  • G. Bruce Knecht: Raubzug. Der teuerste Fisch der Welt und die Jagd nach seinen JĂ€gern. Marebuchverlag, Hamburg 2006, ISBN 3-936384-29-0.

Weblinks

Quellen

  1. ↑ Illegale Fischerei profitiert von EU-Einsatz am Horn von Afrika in der Tageszeitung Die Presse vom 21. Nov. 2008.
  2. ↑ William J. Ripple, Christopher Wolf, Thomas M. Newsome, Mauro Galetti, Mohammed Alamgir, Eileen Crist, Mahmoud I. Mahmoud, William F. Laurance und 15.364 Biowissenschaftler aus 184 LĂ€ndern: World Scientists’ Warning to Humanity: A Second Notice. In: BioScience. Band 67, Nr. 12, 2017, S. 1026–1028, doi: 10.1093/biosci/bix125.
  3. ↑ FAO: The State of World Fisheries and Aquaculture 2006, abgerufen am 8. Dezember 2015
  4. ↑ ThĂŒnen-Institut: FischbestĂ€nde Online, abgerufen am 31. MĂ€rz 2018
  5. ↑ EuropĂ€ische Kommission: Fangmöglichkeiten 2009 @1 @2 Vorlage:Toter Link/ec.europa.eu ( Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prĂŒfe den Link gemĂ€ĂŸ Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  6. ↑ Angelika Franz: Historisches Regelwerk: Hawaiianern drohte Todesstrafe bei Überfischung. Der Spiegel, 22. Juni 2012, abgerufen am 19. Januar 2013
  7. ↑ Greenpeace: Einkaufsratgeber Fisch 2014, abgerufen am 8. Dezember 2015
  8. ↑ WWF: FischfĂŒhrer von 2006 (PDF; 179 kB), abgerufen am 8. Dezember 2015
  9. ↑ Earth Island Institute's Dolphin Safe Tuna Program ( Memento des Originals vom 26. Dezember 2008 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemĂ€ĂŸ Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. @1 @2 Vorlage:Webachiv/IABot/www.earthisland.org (engl.)
  10. ↑ SAFE – Internationales Kontrollprogramm fĂŒr delfinsicheren Thunfisch. Gesellschaft zur Rettung der Delphine e. V., abgerufen am 26. Juni 2017.